Quereinstieg Lehrer

Quereinstieg Lehrer

Quereinstieg oder ab ins kalte Wasser

Donnerstag 2017…ich sitze in meinem Büro nach einem zweiten Bandscheibenvorfall und während eines sinnfreien Spätdienstes. Ich langweile mich, mache Arbeit, die mich nicht ausfüllt, weil ich nicht fürs Denken bezahlt werde, sondern um Statistiken zu erfüllen. Nein, das kann nicht der Sinn des Lebens sein, zumindest nicht meiner. Ich bin allein im Büro, weil meine Kollegin dauerkrank ist. Psyche munkelt man, so wie eigentlich alle Dauerkranken hier. Um tatsächlich arbeiten zu können, habe ich mir im Laufe der Woche die Arbeit gesammelt. Immer mehr zweifle ich an dem System und stelle mir die Frage, was „Sicherheit“ eigentlich bedeutet. Öffentlicher Dienst, unbefristeter Arbeitsvertrag…ja, das ist mit vier Kinder auf jeden Fall eine Sicherheit…eine materielle. Aber meine Gesundheit leidet, sie schreit, der Körper gibt mehr als nur Zeichen.

Mein Ausstieg vor dem Einstieg

Es klopft, ich bekomme Besuch von jemanden aus dem Haus. Wir sprechen miteinander. Mit jedem Satz mehr, wird die Stimme leiser. Ich höre nicht mehr zu. Mein Herz wird laut, lauter als diese Stimme. Mein Herz schreit. Die Stimme? Weg…ich höre sie nicht mehr. Meine Entscheidung steht fest: ich gehe! Ich mache das, was mir Spaß macht. Ich möchte verändern. Das war der Grund meines Politikstudiums…damals. Der Job ist ein anderer, der Wunsch der Gleiche. Die Tür geht zu, der Besuch ist weg. Ich schreibe meine Kündigung, sofort. Glücklicherweise hat der Arbeitgeber alles Erdenkliche getan, um sich nicht mit ihm zu identifizieren. Die Kündigung liegt im Drucker. Ich schreibe sofort meine Bewerbung und schicke sie per Mail übers Handy ab. Alles auf eine Karte, egal. Ich kann nichts verlieren, nur gewinnen – Freiheit, Lebensfreude und Wertschätzung und damit das größte Gut, was man haben kann: Gesundheit. In der Mittagspause fahre ich zur Schule. Hier ist meine Bewerbung gelandet. Ich möchte fragen, ob sie angekommen ist.

Der Quereinstieg

„Wir planen Sie bereits ein.“, war die Antwort… So fing mein Quereinstieg an. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, weil ich nicht wusste, was auf mich zukam. Ich kannte keinen Quereinsteiger. 2017 begann mein neues Leben. Mein Leben als Lehrerin. Ich wurde sofort als Klassenlehrerin einer fünften Klasse eingesetzt und mit allem ausgerüstet, was man als Lehrer so benötigt…einem Klassenbuch. So stand ich nun das erste Mal vor meiner Klasse, etwas tollpatschig, aufgeregt und nervös. Doch die Klasse war toll. Sie nahmen mich an und machten mir den Einstieg leicht. Ab dem ersten Tag zählte für mich das Motto „Bindung vor Bildung“. Die Schüler müssen mich akzeptieren und ich muss sie dort abholen, wo sie stehen. Ich habe die Klasse intuitiv geführt, mit Herz und Leidenschaft. Während des Einstiegs absolvierte ich die pädagogische Grundausbildung bei dem WIB e.V. in Potsdam, die jeden Dienstag nach der Schule bis 22Uhr und jedes Wochenende Samstag und Sonntag stattfand. Neben der Unterrichtsvorbereitung bereitete ich Vorträge, Präsentationen und Handouts für die berufsbegleitende Ausbildung vor. Oft bin ich erst 2Uhr ins Bett gefallen, weil ich nebenbei auch noch vier Kinder und die dazugehörigen Aufgaben hatte. Hausaufgaben, Haushalt, Kindergeburtstage, Elternversammlungen, Arzttermine, um nur einige wenige zu nennen. 4Uhr hieß es für mich dann schon wieder aufstehen, um die letzten Arbeitsblätter für den Unterricht auszudrucken. Differenzierter Unterricht…Diagnosen…Elterngespräche…Zeugnisse…Gutachten…Klassenfahrten. Dinge, die ich nach und nach lernte. Nein, diese Dinge hätte ich im Lehramtsstudium nicht gelernt. Die Erfahrung war mein Lehrer. Meine Kollegen unterstützten mich, immer, wenn ich nicht weiterwusste. Jeden Tag kam etwas Neues hinzu, obwohl ich dachte, mehr kann jetzt wirklich nicht mehr kommen.

Elternarbeit

Elternarbeit…eine der größten Herausforderungen. Anerkennung…eine der größten Hürden. „Du hast doch nicht studiert!“, ein Spruch, der immer und immer wieder kommt. Was die meisten vergessen ist, dass auch wir Quereinsteiger ein Studium hinter uns haben. Wir saßen auch im Hörsaal und haben wissenschaftliches Arbeiten gelernt. Ich habe während meines Vollzeitjob als Lehrerin, meine pädagogische Grundqualifizierung absolviert, habe mich in den Lehrerberuf mit all den Verwaltungsarbeiten eingearbeitet, Fortbildungen besucht und eine Klasse geführt. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, dass wir in dem Job ewig arbeiten werden, in dem wir ausgebildet wurden. Die Welt ändert sich und wir mit.

Erfahrungen sind Goldwert

Strukturen verändern sich, passen sich an, nehmen neue Formen an und das ist auch gut so. Wäre es nicht so, würden wir nach wie vor Jäger und Sammler sein. Wir bringen Erfahrungen aus der freien Wirtschaft mit ein. Wir helfen veraltete Strukturen zu zerbrechen und neue zu schaffen, gemeinsam Hand in Hand mit den Lehramtskollegen. Ich freue mich, dass ich an meiner Schule von meinen Kollegen nie diesen Satz gehört habe und ich gewertschätzt werde. Meine Kollegen haben mich von Anfang an als Unterstützung gesehen und mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Es ist ein tägliches Geben und Nehmen, wovon alle profitieren. Hier wird stärkenorientiert gearbeitet.

Erste Elternversammlung: Alle Eltern sitzen mit gespannten Gesichtern vor mir. Obwohl ich in meiner Funktion als Mutter bereits zahlreiche Elternversammlungen besucht habe, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. Meine Kollegen gaben mir alte Protokolle, so dass ich einen roten Faden hatte. Ich war aufgeregt. Schnell merkte ich, dass man mich bereits gegoogelt hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich Quereinsteiger bin. Es hat einen negativen Touch durch die Kommunikation in den Medien. Dort lese ich immer wieder, dass der Zustand katastrophal ist aufgrund der Quereinsteiger. Ich gebe mein Bestes, genau wie jeder meiner Kollegen. Ich gebe mein Bestes, jedes Kind zu sehen, mit all seinen Stärken. Ja, ich wachse. Ja, ich bin noch nicht fertig. Aber wer ist das schon? In jedem Beruf wächst man – täglich, wenn man liebt, was man tut.

Ich gehe jeden Tag mit einem Lächeln auf Arbeit. Ich kenne 500 Kinder bei ihrem Namen und begrüße sie täglich. Ich liebe das was ich tue. Gibt es was Schöneres für unsere Kinder als Lehrer, die ihren Job aus Überzeugung machen?

Dein Herz sagt ja

Ich möchte mit diesem Beitrag alle dazu ermutigen, diesen Schritt zu wagen, wenn es dein Herz sagt. Vergiss die Ferien. Die wirst du brauchen, wenn du dich aufopferst. Und das wirst du, wenn du deinen Job als Lehrer mit Herz machst. Geh diesen Weg, denn die Kinder brauchen Menschen wie uns. Bindung vor Bildung…und wenn du ein Herz hast, hast du 90 Prozent deiner Arbeit bereits getan.

Freie Schule oder staatliche Schule?

Doch wie ist denn jetzt der Weg, fragt ihr euch. Viele Wege führen nach Rom, so auch zum Lehrerberuf.

Wir müssen hier die freien von den staatlichen Schulen unterscheiden. Ich kann hier nur den Einstieg im Land Brandenburg erklären. Da Bildung Ländersache ist, sind die Bestimmungen in allen 16 Bundesländern verschieden.

Pädagogische Grundqualifikation

In Brandenburg müssen alle Quereinsteiger berufsbegleitend die pädagogische Grundqualifikation absolvieren. Das ist nicht auf einer Pobacke abzusitzen und mit links und 40 Fieber zu machen, sondern tatsächlich eine Herausforderung.  Man ist bereits mitten im Beruf, muss sich alles aneignen und nebenbei noch auf Vorträge und Prüfungen vorbereiten. Die Wochenenden sind dann erst einmal Schnee von gestern. Um diese zu absolvieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Einmal meldet man sich hierfür über das Fortbildungsnetzwerk Brandenburg an oder absolviert sie beim WIB e.V. https://www.wib-potsdam.de/. Ohne Voraussetzungen keinen Einstieg. Voraussetzung für den Seiteneinstieg in den brandenburgischen Schuldienst ist i.d.R. ein Hochschulabschluss (universitärer Diplom-, Magister oder Masterabschluss) oder ein Fachhochschulabschluss (Diplom oder Master). Ich habe die Grundqualifizierung beim WIB e.V. gemacht und kann nur positiv davon berichten. Den meisten Mehrwert hatte ich von den anderen Teilnehmern, da man das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Wir haben unsere Wochenenden miteinander verbracht und hatten alle die gleichen Herausforderungen.

Vorbereitung ist alles

Bevor du dich für den Beruf entscheidest, solltest du dir im Klaren sein, dass Elternarbeit ein nicht unerheblicher Teil ist, der dir teilweise die Motivation, aber vor allem die Kraft nimmt. Hinzu kommt ein großer Lärmpegel. Lärm übt Stress aus. Auch dessen solltest du dir bewusst sein. Am Tag hast du unzählige Konflikte zu schlichten und bei jedem musst du mit voller Konzentration am Kind sein – auf Augenhöhe. Du sollest dich sofort mit deiner Umgebung vertraut machen, wenn du dich für diesen wunderbaren Beruf entscheidest, denn Pflaster können dir deine Stunde retten. Eigne dir Fachbücher zu den unterschiedlichen Diagnosen an, sprich mit Ärzten, Fachpersonal und Lerntherapeuten. Auf diesem Gebiet musst du fit sein, denn ich behaupte jetzt mal, dass es keine Klasse mehr ohne Diagnose gibt. Du musst für eine Stunde teilweise acht verschiedene Unterrichtsvorbereitungen machen, um richtig zu differenzieren. Das kann zu einer erheblichen Belastung werden, denn es wird immer jemanden geben, dem es nicht genug ist.

Ferien? Was sind Ferien?

Verwaltungsarbeit sollte dir liegen, denn hieraus besteht ein Großteil unserer Arbeit. „Wer schreibt, der bleibt“ gilt auch im Lehrerberuf. Nein, du wirst nicht jeden Tag 14Uhr Schluss haben, denn dann fängt die Arbeit erst richtig an. Klassenkonferenzen, Elterngespräche, Trägergespräche, Stundenvorbereitung, Lehrerkonferenzen, Schlichtungen und zahlreiche Dinge, die deinen Nachmittag füllen werden. Ferien? Ja, die brauchst du. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, aber dir werden die Ferien viel zu kurz sein, um deine nächsten Wochen vorzubereiten und dich gleichzeitig zu erholen.

Ganz wichtig ist das Lesen von Gesetzen und damit verbunden das Verstehen und Umsetzen. Das Schulgesetz Brandenburg ist dein ständiger Begleiter sowie die dazugehörigen Verwaltungsvorschriften. Diese kannst du am besten auswendig, denn du wirst sie täglich benötigen.

Versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte, dass es mehr von mir gibt. Ich möchte, dass ihr diesen Schritt in den schönsten Beruf der Welt wagt. Ich möchte aber auch, dass ihr wisst, worauf ihr euch einlasst, denn die Kinder sind unsere Zukunft. Sie brauchen Menschen, die ihren Beruf als Berufung sehen. Sie brauchen Menschen, die mehr machen als in ihrem Arbeitsvertrag steht. Sie brauchen Menschen mit Herz.

 Ihr werdet gebraucht. In Brandenburg vor allem für Grund- und Oberschulen, Sonderpädagogik sowie in der beruflichen Bildung.

Du hast all diese Dinge? Dann schreibst du jetzt deine Bewerbung, wenn du an eine freie Schule möchtest. Hier verläuft der Bewerbungsprozess sehr viel einfacher als an einer staatlichen Schule ab. Es gibt nicht so viele Hierarchien, die deine Bewerbung zu durchlaufen hat und der riesige Verwaltungsapparat mit all den Dienstanweisung fällt auch weg.

Du möchtest an eine staatliche Schule? Dann lass dich beim staatlichen Schulamt, was für dich zuständig ist, ausführlich beraten. Schreibe dir deine Fragen auf und nimm sie mit zum Gespräch. Viele Schulämter bieten mittlerweile monatliche Informationsveranstaltungen an. An denen solltest du auf jeden Fall teilnehmen. https://schulaemter.brandenburg.de/sixcms/list.php/stsch

Hier gehöre ich hin

Ich hoffe, dass ich dir einen kleinen Einblick in den Weg als Quereinsteiger geben konnte. Ich bin richtig, da wo ich jetzt bin, muss aber auch sagen, dass ich die Arbeit unterschätzt habe. Ja, ich hatte die Illusion mehr Zeit für meine Kinder zu haben. Tatsächlich habe ich weniger Zeit mit ihnen, da die meisten Nachmittage mit Gesprächen verbracht werden. Elternarbeit ist für mich die größte Herausforderung, da diese Gespräche sehr viel Kraft kosten. In jedem Gespräch muss die Arbeit gerechtfertigt werden, was wahnsinnig viel Konzentration bedarf. Aber auch Elternarbeit im Hinblick auf Kinder mit vorliegenden Diagnosen sind mit viel Kraft verbunden. Viele Eltern haben bereits einen langen Weg hinter sich, wenig Vertrauen aufgrund ihrer Erfahrungen und vor allem große Sorge um ihr Kind. Ein Vertrauen hier aufzubauen bedarf viele Gespräche. Oftmals nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit Lerntherapeuten, Psychologen, Förderberatungsstellen, Sonderpädagogen, Jugendämtern, Kinderheimen, Fachlehrern und vielen mehr.

Geht diesen Weg, wenn euer Herz sagt, dass er der Richtige ist. In diesem Beruf könnt ihr verändern und bewegen. Er ist einer der Berufe, die Sinn machen, jeden Tag aufs Neue.

Eure Kristin