und die Tasche bleibt leer

…und dann steht meine Welt still…

Ich müsste packen, doch ich kann nicht. Eine Tasche fehlt und die steht immer noch unberührt in seinem Zimmer. Es fällt mir schwer…immer wenn ich es versuche sind die Bilder wieder da…die Tasche bleibt leer.

„Mama, du musst kommen, Nr 1 ist abgestürzt.“ …das waren die Worte, die ich über das Funkgerät erhalten habe, während ich mit Nr 4 im Lift saß….vor einem Jahr… Ich wusste nicht wie mir geschieht. Der Lift fuhr in diesen Minuten langsamer als sonst nach oben. Von weitem konnte ich Nr 2 sehen und hatte eine Ahnung wie er sich fühlt. Oben angekommen funktionierte ich nur noch. Eine Skigruppe mit Lehrer war direkt neben mir. Ich schilderte ihm die Situation und Absturzstelle. Er machte sich sofort auf den Weg. Ich…stand…regungslos. Dann kam schon die Bergrettung mit dem Skido und ich hielt ihn an, bat ihn mich mitzunehmen….ich ließ Nr 4 stehen. Was ich dachte? Ich habe an nichts gedacht, außer, dass ich zu meinem Kind wollte. Ausgerechnet in diesen Momenten hat das Handynetz versagt, so dass ich niemanden erreichte. Dann der Funkspruch, dass Nr 4 eingesammelt wurde und nicht mehr allein auf dem Berg steht.

Dem Tod in die Augen sehen…

…und dann war ich eingefroren. Ich guckte runter und sah ihn liegen, regungslos…direkt unter dem Gipfelkreuz. Ich rief ihn, doch er regierte nicht. Die Bergrettung kletterte zu ihm…erkennen konnte ich nichts. Ertan kam dazu und kletterte runter, wurde jedoch sofort ferngehalten. Er, der sonst immer der Positive von uns ist und das Gute sieht, hatte einen Blick, den ich noch nicht kannte in all den 15 Jahren…ein Blick der Angst, der Hoffnungslosigkeit.

Ich…funktionierte…rief meinen Papa an, um die Auslandskrankenversicherungsnummer rauszubekommen… Ich wollte all das nicht wahrhaben, es durfte nicht sein. Er ist unser bester Skifahrer und lag da…einfach so….ja, mir laufen auch heute noch die Tränen, während ich diese Zeilen schreibe…Tränen, die ich in diesem Moment nicht zugelassen habe. Auf einer Trage schleppten sie ihn hoch und ich sah in seine offenen Augen. Er guckte mich an und fragte: „Mama, muss ich jetzt sterben?“ … eine Frage, die keine Eltern gestellt bekommen wollen von ihren Kindern.

Zeit ist relativ

…und dann warten wir…auf den Hubschrauber. In den letzten Jahren haben wir immer bewundert wie schnell er am Unfallort eingetroffen ist. An diesem Tag kam es mir vor wie eine Ewigkeit, ja ich bin richtig sauer geworden warum er so lange braucht. Nr 1 zittert, ihm ist kalt, er hat Angst. Ärzte und Pistenrettung sind ein unfassbar gutes Team, machen alles, was man in diesem Moment machen muss – ruhig bleiben. Dann nach 15 Minuten kommt er endlich und landet. Wir wollen mit, durften aber nicht, da bereits zu viele Personen an Bord gewesen sind. Sie nahmen ihn mit und wir fuhren die Piste runter zur Unterkunft. Freunde und Familie kümmern sich um die anderen Kinder, die das alles nicht verarbeiten können. Nr 3 ist verzweifelt, weil er weiß, dass sein Bruder in dem Hubschrauber über ihm liegt. Wir packen die Krankenhaustasche und fahren los. Wir schweigen…jeder für sich…miteinander zu verarbeiten ist schwer. Wir sind mit den Jahren leichtsinnig geworden…fahrlässig…Vorwürfe überschütten uns.

Die Nachricht

…und dann…die Nachricht von ihm, dass er Tetris auf seinem Handy spielt. Ich lache und weine gleichzeitig während ich die Nachricht vorlese. Ich habe mich noch nie so sehr über eine Nachricht gefreut. Er hat seinen trockenen Humor, er ist da! Angekommen im Krankenhaus sehen wir ihn im Vorraum neben vielen anderen liegen. Er hat starke Narkosemittel intus und schläft immer wieder ein, aber wir können ihn im Arm halten. Und wieder warten wir eine gefühlte Ewigkeit auf die Auswertung seiner Untersuchungen. Wir wussten nicht, ob es etwas am Rücken, Nieren oder Becken gewesen ist. Endlich kam ein Arzt und ging mit uns die Röntgenbilder durch: starke Becken- Nieren und Schulterprellung, sonst nichts…Schutzengel…ihr habt euren Dienst getan!

Wir sollten ihn mitnehmen. Er stand auf, wir stützten ihn und plötzlich spukt er Blut, viel Blut. Mir wird ganz anders, ich möchte Ärzte sprechen, aber die haben mit den „richtigen“ Fällen zu tun. Uns wird versichert, dass alles in Ordnung ist. Wir nehmen ihn mit, er schläft bei uns, wir machen kein Auge zu….

Zu Hause

Für mich war der Skiurlaub beendet. Nr 2 machte sich große Vorwürfe, da er im Weg stand und Nr 1 deshalb abgestürzt ist. Wie er damit umgeht, wird der jetzige Urlaub zeigen. Ich merke, dass ich jetzt erst anfange zu verarbeiten. Bis jetzt habe ich erfolgreich verdrängt. Die Piste war weit weg und wir haben absichtlich bis jetzt keinen Winterurlaub geplant. Doch heute geht es ans Tasche packen und es geht nicht. Die Tasche bleibt leer…