Was Noten nicht sagen

Ich bin Mama von vier Schulkindern und Lehrerin und lebe in zwei Welten, die sich miteinander bedingen und ohneeinander nicht existieren könnten. Als Mutter erlebe ich täglich wieviel meine eigenen Kinder den ganzen Tag leisten und wie wenig Möglichkeiten sie haben, auszubrechen. Nr 3 ist ein Ausbrecher und ich habe, leider, lange versucht ihn zu brechen und mit Macht in das System zu zwängen…beide sind wir daran zerbrochen. Ich bin heute sehr froh, dass er so sehr viel stärker gewesen ist, auch mit seinen kleinen 7 Jahren, als ich. Ich bin froh, dass ich ihn habe und er mich jeden Tag lernen lässt. Er hat mir gezeigt, dass genau Menschen wie er, zu Veränderungen beitragen. Er zeigt täglich, dass es keine starren Strukturen und Bewertungsmaßstäbe braucht, um zu sehen, was jemand kann. Für meine Berufung als Lehrerin habe ich damit einen unheimlichen Vorteil. Ich sehe jeden Tag wie wichtig es ist, dem Tag und dem Kind eine neue Chance zu geben und das Gestern sein zu lassen. Ich lerne, dass ein ganzheitlicher Blick das Wichtigste in diesem Beruf ist und dass eine Note lange nicht das zeigt, was in den Kindern steckt. Ich habe mit Nr 3 versucht die Bundesländer zu lernen und ihn gefragt, welches Bundesland über Brandenburg liegt. Er wusste es nicht und ich bin böse geworden, weil er es lernen sollte. Daraufhin sagte er, dass er die Bundesländer anhand der Größe erkennt, aber nicht aus dem Kopf sagen kann, wo welches Land liegt. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass es viele Wege des Lernens gibt.

Systeme sind veränderbar

Es gibt Kinder, die in unserem System 8 Stunden lernen und am Nachmittag in einem komplett anderem System leben, was den Vormittag für sie sehr schwer macht. Ein Stempel unsererseits hilft ihnen wenig und macht das Überleben schwer. Systeme lassen sich verändern und sind nicht starr. Das zeigt die Vergangenheit. Systeme haben Lücken, die man nutzen kann. Kinder brauchen jeden Tag Wertschätzung so wie wir Erwachsenen im Berufsleben auch. Die meisten Burn Outs haben mit fehlender Wertschätzung zu tun. Schulängste werden immer mehr. Oft stelle ich mir vor wie ich mich auf der alten Arbeit gefühlt habe als ich mich morgens ins Auto gesetzt habe. Ich hatte Magenschmerzen und mit jedem Meter, den ich näher an das Gebäude kam, ging es mir schlechter. Genauso sehe ich es bei Kindern, die Schulängste entwickeln. Im Gegensatz zu ihnen, können wir reflektieren und formulieren woran unser schlechtes Gefühl liegt. Sie spüren nur, dass es ihnen nicht gut geht und äußern es durch auffälliges Verhalten. Ja, es bedeutet Arbeit jedes Kind mit genau diesem Blick zu betrachten, aber die Mühe zahlt sich aus und wird belohnt. Kleine Schritte sind der größte Lohn und die größte Anerkennung in meinen Job. Ein Kind, was aggressives Verhalten von Anfang an gezeigt hat, kennt mittlerweile Strategien, nicht mehr in jeder Situation in alte Verhaltensmuster zurückzukehren. Neulich kam es zu mir und sagte: „Können sie sich noch an unsere erste Begegnung erinnern als ich weggerannt bin und sie mir hintergerannt sind? Sie haben mich nicht gefragt warum ich wegrenne, sondern haben mir ihre Jacke angeboten, weil es kalt draußen war. Und sie haben gesagt, dass ich immer zu ihnen kommen kann.“ Ja tatsächlich war das unsere erste Begegnung vor der ich großen Respekt hatte, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte und wusste, ob ich richtig reagiere. Anscheinend war mein Bauchgefühl das Richtige, denn heute kommt das Kind oft zu mir, wenn es nicht weiter weiß.

Übergang zur weiterführenden Schule

Ich habe das Glück, dass ich an einer Schule arbeite, wo viele Kollegen mit diesem Ansatz unterrichten und einen ganzheitlichen Blick auf die Kinder haben. Für die Eltern ist das  oft nicht sichtbar, weil sie uns nicht 8 Stunden begleiten, sondern nur winzige Ausschnitte vom Alltag sehen. Meistens sind es tatsächlich nur Sekunden. Ja, man sieht automatisch nur sein eigenes Kind. Wir haben allerdings die Herausforderung eine große Gemeinschaft betrachten zu müssen. Eine Gemeinschaft, in der jeder mit anderen Voraussetzungen, mit anderen Bedingungen und Hintergründen den Schulalltag antritt. Oft frage ich mich als Mama, was eine Note genau über diesen Punkt aussagt. Ein Kind, was in einem Elternhaus groß wird, in dem die Eltern bis spät abends arbeiten müssen, die weder Oma, Opa noch Verwandte und Bekannte haben, die sich um das Lernen lernen kümmern können, haben doch ganz andere Bedingungen als Kinder, deren Eltern am Nachmittag Zeit genau für diese Dinge haben. Ein Kind, was in einer Jugendhilfeeinrichtung groß wird hat doch komplett andere Voraussetzungen als ein Kind, was in einem gut behüteten Elternhaus groß wird. Ein Kind, was in einem Rosenkrieg der Eltern lebt, kommt doch mit ganz anderen Voraussetzungen in die Schule als ein Kind, was aus einer glücklichen Ehe kommt. Ich könnte zahlreiche weitere Vergleiche aufziehen, um darzustellen, dass man hier keine einheitlichen Maßstäbe setzen kann, weil nicht alle Kinder das Gleiche leisten können. Und genau hier setzt mein Blick an. Ich habe meine neue Klasse mit dem Angebot Hausbesuche zu machen, übernommen. Sicherlich ist das befremdlich, denn wer möchte schon gern jemand Fremdes in seinem Haus haben und sich hinter die Kulissen gucken lassen. Für mich ist es ein wichtiger Punkt für meine Arbeit. Da fängt der ganzheitliche Blick an, denn zu Hause agieren Kinder ganz anders als in der Schule und auch der Umgang miteinander ist wichtig zu verstehen. In welchen Konstellationen wird das Kind groß? Mit welchen Herausforderungen beginnt und beendet es seinen Schulalltag? Ein Kind, dass einen langen Fahrtweg hat und 4Uhr aufstehen muss, sitzt 08Uhr mit ganz anderen Voraussetzungen im Unterricht als ein Kind, was direkt an der Schule wohnt. Ein Kind, welches sich allein fertig und das Haus verlassen muss, sitzt mit ganz anderen Voraussetzungen in der Schule als ein Kind, dessen Mama die vergessenen Materialien noch schnell vorbei bringen kann. Ich kann hier zahlreiche weitere Beispiele bringen, denke aber, dass ihr versteht, worum es mir geht.

Ü7 los geht es

Für uns in Brandenburg steht für die sechsten Klassen das Ü7 Verfahren an. Das heißt, dass sie sich für eine weiterführende Schule entscheiden müssen. Das erste Halbjahr ist für Kinder und Eltern durch starken Druck gekennzeichnet. Druck, der selten von den Eltern, eher von den weiterführenden Schulen ausgeht. Möchte man an ein Gymnasium, muss man sich einem Auswahlverfahren stellen, in dem die Noten zählen. Noten, die nicht das berücksichtigen, was eigentlich zu genau dieser Note führt. Noten, die nicht hinterfragt werden, da bei der Masse an Bewerbungen nach Aktenlage entschieden wird. Teilweise hatte ich als Mutter richtig Panikattacken, weil ich Angst davor hatte, dass der Schulwunsch meines Sohnes auf Grund einer Note nichts wird. Meine Kinder müssen nicht aufs Gymnasium, er hat allerdings den Wunsch und ich weiß, was es mit ihm macht, wenn ihm dieser Wunsch verwehrt wird. Er sitzt jeden Nachmittag und lernt. Er lernt, wie viele andere, nachdem er von 08Uhr – 15.Uhr in der Schule gelernt hat. Spielen? Fehlanzeige. Mit 12 Jahren wird ein hoher Anspruch gesetzt. Kindsein bleibt ab hier außen vor.

Note und Leistungsmotivation

Viele denken, dass ein Wegfall von Noten bedeuten würde, dass die Kinder sich nicht mehr anstrengen. Ich kann nur aus Erfahrung sagen: Kinder, die von Haus aus keine Leistungsmotivation haben, erlangen diese auch nicht durch Noten. Noten erreichen hier in meinen Augen eher noch das Gegenteil. Sie werden noch demotivierter und zeigen immer deutlicher, dass ihnen auch eine schlechte Note egal ist. Hier sind die Eltern und die Lehrkräfte bzw. deren Zusammenarbeit gefragt. Es darf keiner auf den anderen schieben, sondern man muss gemeinsam hinter die Kulissen gucken, wo die Ursache der Verweigerung liegt. Oftmals steckt Angst bei Lehrkräften und Eltern dahinter genau diesem Punkt nicht auf den Grund zu gehen. Hingucken bedeutet Wege und Methoden verändern. Veränderung bedeutet Arbeit – zunächst. Manchmal bedarf es nur einer Änderung der Lernbedingung oder des Lernweges. Manchmal aber auch vielmehr. Dieses Vielmehr kostet sehr viel Kraft und auch Nerven. Beides hat man nicht immer und auch wir Lehrer haben nur ein gewisses Maß an Ressourcen und vor allem haben auch wir ein eigenes Privatleben. Oft lese ich: „Das war kein Bestandteil meiner Ausbildung.“ Ja, das glaube ich, aber das ist in allen Berufen so. Ich habe Politik studiert und anschließend in diesem Bereich gearbeitet. Bestandteil meines Studiums war das, was ich dort gemacht habe, nicht. Ich bin es gewöhnt mich fortwährend fortzubilden, um besser zu werden bzw. Prozesse besser verstehen zu können. Ob das irgendwann aufhört und ich fertig bin? Nein, das zu glauben wäre naiv, denn, wie anfangs schon geschrieben, verändern sich Systeme und damit ist man nur gut, wenn man sich stetig weiterbildet. So auch im Lehrerberuf. Natürlich vermittelt das Studium auch nur Grundlagen. Möchte ich besser werden, muss ich mich fortbilden. Ich muss meine Weiterbildungen an die Herausforderungen meines Alltags anpassen. So mache ich zur Zeit ein Studium zur Legasthenietrainerin und eine Fortbildung zur Sozial- ADHS-Trainerin, weil es mein Alltag fordert. Ich möchte nicht erwarten, dass ich Fortbildungen vorgesetzt bekomme, sondern möchte selbst entscheiden, was ich kann und was ich brauche, um meinen Alltag zu verbessern.

Mein Zeugnis an die Schüler

Ich bin Lehrerin für Gesellschaftswissenschaft und habe drei sechste Klassen, die soviel im letzten halben Jahr geleistet haben. Sie sind ganz verrückt nach ihren Noten und wollen sie immer vor der Zeugnisausgabe schon wissen. Von mir haben sie bereits vorher ihre Note erhalten. Ich habe ihnen ihre Note in Worten mitgeteilt. Viele haben während sie es gelesen haben, immer wieder verzweifelt nach der angekündigten Note gesucht. Anderen kamen die Tränen beim Lesen. Am Ende haben alle verstanden, dass in dem Brief eigentlich sehr viel Note drinsteht. Aber lest selbst und bildet euch ein Urteil, ob eine Note mehr als Worte sagen. Eure Kristin

Was Noten nicht sagen

-das andere Zeugnis-

„Also stellte ich mich auf sie ein. Ich sprach mit ihnen über Kartenspiele, Golf, Politik und Krawatten. Und die großen Leute waren sehr erfreut, einen so vernünftigen Mann getroffen zu haben.“ Der kleine Prinz

Liebe 6. Klassen

ich kenne euch nun seit zwei Jahren und durfte eure Gewi-Stunden begleiten und versuchen euer Interesse für die Themen Europa, Demokratie, Wasser und auch Ernährung zu wecken. Bei dem einen hat es mal mehr und bei dem anderen weniger geklappt. Aber wisst ihr, das ist ganz normal. Mich interessieren auch nicht immer alle Themen. Wichtig ist, dass wir zusammen das Beste daraus gemacht haben. Für mich besonders schön waren die Momente, in denen ihr neugierig Fragen gestellt habt, aber auch die Momente, in denen wir miteinander gelacht haben – und die waren nicht selten. Das Fragewort „Hä“ existiert seit 1,5 Jahren und wer weiß, vielleicht bringt es einer von euch in den Duden und damit in die Deutschbücher.

Ich wünsche mir für jeden einzelnen von euch, dass ihr in eurem Leben immer Dinge tun werdet, für die ihr Interesse habt, denn dann ist man ein Leben lang glücklich.

Ich habe gelernt, ihr habt gelernt, wir haben gelernt. Ein Lehrer ist nicht mehr allwissend, soviel darf ich euch heute verraten und mir war es immer wichtig, dass ihr seht, dass auch ich Fehler mache. Fehler sind toll, denn ohne sie, könnten wir nichts lernen. Wir brauchen sie. Ich weiß wie wichtig euch die Noten sind und wie hart ihr um die eine und andere Note gekämpft, ja sogar Tränen verloren habt. Schule ist wichtig, ich weiß. Noten sind wichtig, ich weiß. Aber noch viel wichtiger ist, dass ihr wisst, was ihr könnt und das ist in meinen Augen schon ziemlich viel. Ihr habt gelernt wie man eine Präsentation hält, ohne eine Tapete als Stichpunktzettel in der Hand zu halten und mich pausenlos anzugucken .

Ihr habt gelernt, anderen positive Kritik zu geben und umgekehrt Kritik anzunehmen. Ihr habt gelernt wie man mit einer Karte umgeht. Ihr habt gelernt wie man Wissen über gesellschaftswissenschaftliche Zusammenhänge erlangt. Ihr könnt eine Mindmap anlegen und ein Interview führen. Historische Quellen sind für euch kein Buch mit sieben Siegeln und auch Sachtexte könnt ihr mit euren eigenen Worten zusammenfassen. Ihr wisst wie man ein Zeitfries anfertigt und was es ist. Ich kann euch sagen, dass das nur ein kleiner Teil von dem ist, was ihr mittlerweile könnt. Wenn man sich das so durchliest, ist das doch schon wirklich eine ganze Menge und wisst ihr: solche Sachen sagen viel mehr als eine Note über euch aus. Ihr seid alles tolle Kinder, jeder mit seinen Stärken und Schwächen.

Hier meine liebsten Sätze:

„Frau van der Meer, ich habe die Wochen verwechselt.“, „Frau van der Meer, meine Mama bringt es mir gleich.“

„Hä?“, „Ach, es gibt eine Rückseite?“, „Als ob Frau van der Meer…“

„Was sollten wir jetzt machen?“, „Äääääääähhhmmmm“, „Ach wir sollten das zu HEUTE machen? Ich dachte nächste Woche.“

„Ich war krank und keiner wollte mir verraten, was wir gemacht haben.“, „Ich habe keinen Block dabei.“

„Ach, wir müssen mit Füller schreiben? Das wusste ich nicht.“ „Liniert oder kariert?“, „LOL“

Ich wünsche euch, dass ihr ganz lange Kinder bleibt und auch als Erwachsene das Kind im Herzen bewahrt. Bleibt immer neugierig und stellt vor allem viele Fragen. Sucht nach Antworten und gebt nicht auf, wenn ihr diese nicht sofort findet. Manchmal kann auch Google nicht weiterhelfen. Gerade dann wird das Antwortensuchen interessant.

Ich wünsche euch wunderschöne Ferien und bei euren Bewerbungen ganz viel Glück.

Eure Frau van der Meer

„Alle großen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“ Der kleine Prinz