Monatlicher Archiv: März 2020

Konzentrier dich doch endlich mal!

Am Rande des Nervenzusammenbruchs…mein Homeschooling Namens AD (H) S…

Heute sprichst du mir eine Sprachnachricht und weinst. Du kommst zu Hause kaum klar. Das erste Mal bist du in einer Situation, die dich emotional in deiner Eltern-Kind-Beziehung an deine Grenzen bringt.

Dein Kind hat AD (H) S. Du erlebst es sonst „nur“ am Nachmittag und auch da ist es oft chaotisch und es geht drunter und drüber. An Schule machen ist nicht zu denken. Dein Kind ist fertig vom Tag.

Entweder hat es sich acht Stunden in der Schule so dermaßen angestrengt „normal“ zu sein und nicht aufzufallen oder es hat versucht „zu funktionieren“. Du bekommst das sonst gar nicht so extrem mit, weil es ja in der Schule ist. Jetzt sitzt du zu Hause und bettelst dein Kind an, dass es sich doch bitte konzentrieren soll. Auch du möchtest, dass es funktioniert, weil ihr den Plan schaffen müsst.  Du hast erst vor kurzem die Diagnose bekommen und dich noch gar nicht wirklich damit auseinandergesetzt, was das eigentlich bedeutet.

Lernen, wenn das Kind nicht „funktioniert“

Wie du sicherlich schon oft gelesen hast, arbeiten beide Gehirnhälften unterschiedlich. Diesem Satz hast du bisher wahrscheinlich eher in witzigen Situationen Bedeutung beigemessen. Gerade jetzt in Zeiten des Homeschoolings ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die du als Eltern benötigst, um deine Grenzen und die deines Kindes zu wahren und schützen.

Es gibt Menschen, die mathematische Formeln ausrechnen ohne mit der Wimper zu zucken, für andere sind es böhmische Dörfer. Es gibt Kinder, die wahnsinnig schnell auswendig lernen, andere quälen sich unendlich damit – und das obwohl beide im gleichen Unterricht sitzen und das gleiche Wissen vermittelt bekommen.

Wir wurden damals so beschult, dass hauptsächlich unsere linke Hirnhälfte beansprucht wurde, egal, ob sie bei uns gut ausgebildet gewesen ist oder nicht. Viele Eltern und auch Lehrer gehen heute mit denselben Methoden vor. Eltern, weil sie es so gelernt haben, Lehrer, weil sie es für gut befinden. Jeder nach bestem Wissen und Gewissen.

Für euch zu Hause ist es jetzt von Vorteil, wenn ihr Arbeitstechniken findet, die beide Gehirnhälften beanspruchen, um Stress zu vermeiden. Hier kann ich auf jeden Fall z.B. die ABC-Listen von Vera F. Birkenbihl empfehlen. Wenn Interesse besteht, kann ich gern hierzu auch nochmal etwas schreiben.

Deine Gehirnhälften

Deine rechte Gehirnhälfte ist für die visuelle Wahrnehmung  und auch Kreativität zuständig. Hier kommen auch unsere Emotionen zum Vorschein. Mit der rechten Gehirnhälfte lässt du deiner Fantasie freien Lauf, du gibst Tagträumen eine Chance und malst die Bilder in deinem Kopf farbig aus.

Deine linke Gehirnhälfte ist für die puren Fakten zuständig. Hier finden Zahlen, Fakten, Bedienungsanleitungen und Daten ihren Platz. Sie arbeitet nicht emotional, sondern logisch. Alles, was du lernst, wird hier gespeichert, so auch Auto- und Fahrradfahren. Besonders wichtig ist diese Erkenntnis für dich als Homeschooling-Eltern zu Hause. Auch das Lesen ist hier angesiedelt.

Welche Gehirnhälfte bei kleinen Kindern vor Schuleintritt ausgeprägt ist, muss ich nicht näher beschreiben. Mit Zahlen und Fakten können die Kleinen noch nicht viel anfangen. Hier spielen Farben und Fantasie eine dominierende Rolle. Erst mit Schuleintritt verliert die rechte Hälfte ihre Dominanz.

Deshalb nutzt die jetzige Zeit, um ihr wieder Aktivität zu verschaffen. Erwachsene, die in ihrer Kindheit keine Möglichkeit hatten, der rechten Gehirnhälfte Kraft zu geben, hat später eine Unterentwicklung der rechten Gehirnhälfte zu verzeichnen.

Gedächtnis

Auch ist es wichtig, einiges über das Gedächtnis deines Kindes zu wissen, um mit Diagnosen umgehen zu können und die Zeit jetzt zu Hause gut zu meistern.

Ich könnte jetzt eine wissenschaftliche Abhandlung darüber schreiben. Dann hätte ich allerdings das Problem, dass du nicht weiterliest. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass du dein Kind verstehst.

Du hast mit Sicherheit schon einmal etwas vom Arbeitsspeicher gehört. So haben wir auch ein Arbeitsgedächtnis. Man sagt, dass das Arbeitsgedächtnis nur 7 Informationen speichern kann. Dessen solltest du dir bewusst werden. Eine Information kann ein Gedicht, aber auch einfach eine einzige Zahl sein oder ein Auftrag wie „Geh Hände waschen“. Oftmals ist das der Auslöser für Streitigkeiten und den Gedanken „warum funktioniert es nicht?!“. Gerade bei Kindern mit AD (H) S ist das ein Wissen, was du im Alltag benötigst, um nicht zu verzweifeln. Wenn wir etwas willentlich machen, also zB Hände waschen gehen, strengt das an und erfordert maximale Konzentration. Vor allem fordert es Konzentration, wenn es nicht automatisiert ist und den Arbeitsspeicher immer wieder fordert. Gibst du deinem Kind also mehrere Aufträge gleichzeitig, geht der erste verloren, dann der Zweite usw. Erinnere dich wieviel maximal gespeichert bleiben! 7 !

Ein gutes Beispiel hier ist das Lernen des Autofahrens. Hier müssen viele Abläufe gleichzeitig passieren, ansonsten kannst du nicht losfahren oder anhalten. Es muss eine Automatisierung stattfinden, damit der Arbeitsspeicher nicht heiß läuft und aussetzt. So ist es auch beim Lernen der Malfolgen. Sie müssen automatisiert werden, damit Platz für weitere Informationen sind, sonst scheitert das Kind immer wieder an der weiterführenden Mathematik, da der Arbeitsspeicher für neue Aufgaben keinen Platz hat. Er ist überlastet mit der Malfolge.

Es ist wichtig, dass Lernen zu unterteilen. Fange an, genau das zu verstehen, um deinem Kind zu helfen! Es wird euch beiden nicht helfen, wenn ihr im Stoff zu Hause weitermacht und der Arbeitsspeicher deines Kindes explodiert, weil die Unterthemen noch nicht automatisiert sind. Nimm dir genau JETZT hierfür Zeit! Beispiele für Automatisieren sind das Silben lesen und klatschen, Buchstaben erkennen, lernen von unregelmäßigen Verben in englisch und natürlich das kleine Einmaleins.

Auch Schwimmen und Fahrradfahren ist ein Automatisierungsprozess. Kannst du dich an den Satz erinnern: „Fahrradfahren und Schwimmen verlernst du nie wieder.“ ? Genau das ist Automatisierung.

Konzentrier dich doch endlich mal

Sei ehrlich, wie oft hast du diesen Satz schon gesagt? Also ich seeeeehr oft und ja, nachdem ich meine Ausbildung zur AD (H) S-Trainerin absolviert haben, ging er mir durch Mark und Knochen. Ich hätte am liebsten die Zeit zurück gedreht.

Hast du dir mal die Frage gestellt, was du unter Konzentration verstehst? Welches Verhalten erwartest du in dem Moment, wo du diese Aufforderung aussprichst?

Für mich bedeutet es, sich nicht von anderen Dingen ablenken lasse, voll und ganz vertieft in die Sache. So! Und nun betrachte dich mal! Denke an die letzten Tage oder an Arbeitssituationen. Bist du ganz bei der Sache? Also ich sitze am Esstisch und denke an die Wäsche, die ich noch aufhängen muss. Ich sitze in der letzten Schulstunde und denke daran, dass alle meine Kinder hoffentlich pünktlich am Auto sind. Ich schreibe diesen Text und denke daran, dass ich nicht vergessen darf, die Eltern meiner Schüler anzurufen. Tja, so voll und ganz bei der Sache sind wir Erwachsenen wohl auch nicht oder steht es bei dir anders? Wir eilen in Gedanken unserer Zeit voraus.

Und wie sage ich so oft? Kinder lernen durch soziales Lernen. Sie kopieren uns, sie beobachten uns. Sie sehen, dass wir schnell unsere Nachrichten checken während wir den Tisch decken, die Butter aus dem Kühlschrank holen und die Kinder ans Zähne putzen erinnern. Ist es bei dir anders?

Wie soll also dein Kind wissen, was „Konzentration“ bedeutet? Es hat dich noch nie wirklich konzentriert, also bei einer Sache verweilen, gesehen. Nutze deine Zeit des Homeschoolings deinem Kind genau das beizubringen. Konzentration kann entwickelt und erlernt werden. Setze dich hin, nimm dir ein Buch und vertiefe in diesem Buch, so sehr, dass du aufschreckst, wenn dein Kind dich anspricht. Das ist Konzentration! Das ist es, was du jetzt beibringen kannst!

Ich freue mich, wenn ich euch einen kleinen Einblick geben konnte. Im nächsten Blog wird es um das Thema Lernen gehen. Ich freue mich auf euch.

Eure Kristin

Um jeden Preis

Um jeden Preis…

Und da sitzen wir Eltern, den Druck im Nacken und geben ihn weiter. Täglich werden neue Listen mit Arbeit in den unterschiedlichsten Portalen hochgeladen und manch einer sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Wir alle nehmen zur Zeit am größten Sozialexperiment aller Zeiten teil, ob wir wollen oder nicht. Hier gab es diesmal kein Häkchen, wo wir unsere Zustimmung geben konnten.

Von heute auf morgen müssen sich Familien neu organisieren. Familien stehen auf dem Prüfstand. Jeder von uns übt momentan mehrere Jobs gleichzeitig aus. Seid euch alle dessen bewusst! Ich habe heute wieder zahlreiche Emails bekommen, in denen Eltern bundesweit mir ihre Verzweiflung mitteilen. Sie denken, dass sie die einzigen aus der Klasse sind, die das Pensum nicht schaffen.

Ich sage euch: NEIN! Und HALT STOP! Niemand muss dieses Pensum schaffen. Es wird nicht erwartet. Wir Lehrer haben einen Job und den führen auch wir momentan auf eine ganz neue Art und Weise aus. Es ist für uns unbekannt, nicht in die Lernsituation eurer Kinder eingreifen zu können. Unser Job ist es, zu unterrichten und zu steuern. Wenn wir sehen, dass es in die falsche Richtung geht, greifen wir ein. DAS können wir momentan nicht aus der Ferne. Wir sind auf euch angewiesen. Auch in der Schule schaffen nicht alle Kinder das gleiche Pensum. DAS ist unser Job. In den 90 Minuten passen wir fortwährend an, individuell. Ich kenne niemanden, der vorn steht und von allen das Gleiche verlangt. Wir geben uns zufrieden, wenn Aufgaben nicht geschafft werden. Auch bei uns laufen Stunden nicht gut. Auch wir haben Stunden, aus denen wir rausgehen und denken: Mist, morgen nochmal von vorn. Das war nichts.

Ihr seid Eltern! Und Eltern sollten keine Lehrer sein. Macht euch diesen Satz bewusst! Wir geben euch Material an die Hand, damit eure Kinder zu Hause lernen können. Wir geben euch kein Material, damit ihr zu Hause unter Druck seid, alles schaffen zu müssen. Wir sind uns bewusst darüber, dass wir nicht, wenn alles vorbei ist, so tun können als wäre nichts passiert.

Der Stress zieht sich grad durch alle Häuser. Das seht ihr an den Rückmeldungen in den sozialen Netzwerken. Egal in welcher Konstellation Familien zusammenleben, es ist eine nie da gewesene Herausforderung!

Schule hat vorher auch schon für Stress gesorgt, nur dass es größtenteils in der Schule ausgetragen und verarbeitet wurde. Jetzt finden wir diesen Stress in unseren eigenen vier Wänden – unserem zu Hause.

Gerade jetzt liebe Eltern, ist es so enorm wichtig, dass ihr auf eure Grenzen achtet. Zieht Grenzen in dem Stoff, der euch gegeben wird. Selbstständiges Arbeiten ist eine Kompetenz, die über Jahre geübt werden muss. Das funktioniert nicht über Nacht und nur weil Corona plötzlich da ist. Schaut euch auf Arbeit um. Auch viele Erwachsene haben enorme Herausforderungen mit dem selbstständigen Arbeiten.

Ja, ich als Mutter sehe in dieser Zeit mehr als deutlich, dass Schule mehr ist… Meine Intension damals Lehrerin zu werden, war eine Gemeinschaft zu fördern. Eine Gemeinschaft aus Eltern, Lehrern, Schülern und Experten, denn das ist Schule. Weder der eine noch der andere kann das allein meistern und bewältigen. Ich bekomme zahlreiche Nachrichten, in denen Eltern aus allen Bundesländern mir schildern, dass sie jetzt endlich verstehen, woran es bei ihrem Kind scheitert. Ja, das ist doch etwas Positives, denn hieraus entsteht eine Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern – Verständnis füreinander! Ich bekomme Emails aus allen Bundesländern, dass die Kinder doch keine Inselbegabung haben, sondern einfach nur selbstständig lernen können. Ja, auch das ist doch etwas Positives!

Auch ich bin als Mutter von vier Kindern teilweise überfordert von all den Materialien, Apps und Links, aber auch hier bitte ich euch ein wenig um Verständnis. Wir waren nicht vorbereitet auf diese Situation. Unser Bildungssystem ist dafür nicht ausgebildet. Wir sitzen jetzt zu Hause, weg von unseren Schülern, unser Hauptarbeitsmittel, mit Dienstpflichten im Nacken, mit Erwartungen auf der Brust. „Das ist dein Job meine Liebe“, schrieb mir heute eine Mutter… Ja, das stimmt und wir alle versuchen unseren Job bestmöglich auszuführen, jeder nach seinen Möglichkeiten.

In der ersten Woche habe ich dieselben Fehler gemacht. Erstmal viel Material zur Verfügung gestellt, um meine Arbeit zu machen, um Erwartungen zu erfüllen. Ich habe mehr als 12 Stunden am Tag gearbeitet, um mich möglichst schnell digital weiterzubilden. Dabei habe ich ganz vergessen, dass die Eltern meiner Schüler gar nicht die Zeit dazu haben, sich ebenso schnell weiterzubilden. Ich habe sie also nicht da abgeholt, wo sich einige befinden, denn auch bei den Eltern gibt es erhebliche Unterschiede in der Medienkompetenz.

Ja, es gibt Familien, die können das bewältigen und ja, es gibt auch Kinder, die genau das brauchen und auch ihnen müssen wir gerecht werden. Es gibt aber auch Elternhäuser, wo beide Elternteile in systemkritischen Berufen arbeiten und die Kinder in der Notbetreuung sind. Diese Eltern haben am Nachmittag gar nicht mehr die psychischen Ressourcen, um Unterricht zu vermitteln.

Es gibt Familien, die weit unter der Mindestgrenze leben. Familien, die die technischen Möglichkeiten nicht besitzen. Familien, in denen sieben und mehr Geschwister auf 60 qm leben und es keinen Ort des Rückzugs gibt. Familien, die sich wenig um ihre Kinder kümmern. Familien mit erheblichen Sprachbarrieren. Familien, die Schule nie einer Bedeutung beigemessen haben. Familien, die vor 30 Jahren das letzte Mal in der Schule gewesen sind und vom „Imperativ“ noch nie etwas gehört haben.

All diese Kinder können wir im wahren Unterricht abholen, den Stoff der Situation anpassen. Das fällt jetzt weg.

„Warum macht ihr denn keinen Online-Unterricht“ wurde ich heute gefragt. Unterricht muss JEDEM zugänglich sein. Um Online Unterricht zu machen, müsste JEDER die technischen Voraussetzungen haben. Um Online Unterricht zu machen, müssten alle eine entsprechende Medienkompetenz haben….all das wurde bisher verpasst in unserem Bildungssystem und genau deshalb können wir Online Unterricht nicht verpflichtend anbieten, sondern nur als Möglichkeit.

Heute lese ich in der Zeitung, dass Eltern in MV verzweifelt sind und sagen, dass die Hälfte das nicht packen wird. Sozialer Sprengstoff wird es genannt. Und noch einmal: bitte liebe Eltern, setzt euch nicht unter Druck! Keiner kann so tun als wenn nichts gewesen wäre.

Unser Satz „Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie stehen“ wird mehr denn je Bedeutung haben, wenn wir wieder zum Normalbetrieb übergehen! Darüber sind wir uns alle einig.

„Ich sitze mit meiner Tochter von 08:30Uhr – 18:30Uhr, um das alles zu schaffen, weil ich das Gefühl habe, ich bin die einzige Mutter, die das nicht auf die Reihe bekommt. Ich möchte so gern Märchen mit meiner Tochter gucken.“ Dann tu das bitte! Märchen gucken ist auch lernen, wenn ihr darüber sprecht und euch über die Handlung unterhaltet. Märchen ist sogar ein eigenes Thema im Deutschunterricht. Also guck bitte Märchen anstatt über Englisch zu sitzen – eine Sprache, die du nie gelernt hast und damit deinem Kind auch gar nicht richtig beibringen kannst. Mach, das was du kannst, denn das machst du gut! Bei allem anderen leidet eure Eltern-Kind-Beziehung und das ist in der jetzigen Situation das Letzte, was ihr gebrauchen könnt.

Wir haben als Familien eine nie dagewesene Situation zusammen zu bewältigen und das Fördern sozialer Kompetenzen ist jetzt wichtiger denn je, denn eure Kinder werden sich an genau diese Kompetenzen erinnern, wenn sie eine Krise allein meistern müssen. Das ist es, was ihr ihnen jetzt beibringen könnt!

Ich kenne keinen Kollegen, der zur Zeit die Sonne genießt. Alle meine Kollegen arbeiten unter Hochdruck, um alles so normal wie möglich zu halten, damit das Lernen  für ALLE weiter stattfinden kann. Wir tauschen uns aus, nicht nur untereinander im Kollegium, sondern bundesweit. Ich stand noch nie mit so vielen Lehrer wie jetzt in Kontakt, denn jedes Bundesland handhabt es anders. Wir gucken Webinare, YouTube Tutorials und machen live.Schaltungen, um zusammen ein Erklärvideo zu drehen. Wir machen bis in die Nacht Videokonferenzen, um die verschiedenen Tools auszuprobieren und das optimalste für die eigene Klasse zu finden. Wir beantragen füreinander Lizenzen bei zahlreichen Lernplattformen und tauschen diese aus. Wir testen bis spät in die Nacht unterschiedliche Plattformen und tauschen uns anschließend aus, um die optimalste für die eigene Klasse zu finden. Nein, wir sitzen nicht in der Sonne!

Ja, in jedem Schlechten steckt etwas Gutes. Die Digitalisierung hat innerhalb von 11 Tagen einen enormen Fortschritt gemacht. In meinen Augen einen so gewaltigen Fortschritt wie ich ihn ohne Corona in den nächsten 10 Jahren für mich nicht erreicht hätte. Das ist der beste Praxistest, den wir als Schule und Eltern haben können, denn dieses Wissen hätten wir im Unterricht niemals an den Mann bringen und umsetzen können. Niemals hätte ich mit meinen Schülern soviel ausprobieren können. Für mich als Lehrerin hat es einen enormen Mehrwert bis jetzt gebracht. Ich fühle mich sehr verbunden mit den Eltern meiner Schüler, denn es zeigt auf beeindruckende Art und Weise wie Zusammenarbeit funktioniert.

Also liebe Eltern, lernt, aber arbeitet nicht ab. Macht, das was ihr könnt, denn das werdet ihr gut machen!

Ja, ich werde sentimental, wenn ich darüber nachdenke, denn genau das war meine Intension als ich Lehrerin wurde…

Schule ist soviel mehr…um jeden Preis….

Eure Kristin

Vier Kinder und ein Mann

Vier Kinder und ein Mann

Während ich diese Zeilen schreibe, telefoniert Nummer 4 mit der Oma. Es ist 18:43Uhr und sie liest ihr per Videotelefonie eine Gute Nacht Geschichte vor.

Nr 3 soll eigentlich duschen, hängt aber am Fenster und brüllt Nr 2, der noch im Garten spielt, lauthals zu. Zum Glück darf man sich nur eingeschränkt bewegen, sonst würden hier wahrscheinlich gleich zahlreiche Nachbarn vor der Tür stehen und sich über das Gebrüll beschweren.

Shut down in Deutschland, na ja zumindest in der Stadt, in der wir leben. Die Kinder sind seit elf Tagen zu Hause und wir sind Eltern, Lehrer und Arbeitnehmer in einem. Unser Zu Hause ist momentan ein Multifunktionsgebäude so wie wir Eltern….Multifunktionseltern.

In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. An Rückzug ist nicht zu denken. In meinem Schlafzimmer turnt der Mann und die Kinder. In meinem Wohnzimmer ist unser Online Fitnessstudio aufgebaut. The show must go on… Wie bei uns allen. Und genau diesen Punkt sollten wir alle nicht vergessen. Jeder von uns hat die gleichen Herausforderungen zu meistern.

Nein, Eltern sollten keine Lehrer sein und ja, ich liebe die Lehrer meiner Kinder. Sie leisten täglich Großartiges, denn sie haben nicht nur meine Kinder zu beschulen, sondern teilweise bis zu 30 Schüler gleichzeitig mit unterschiedlichen Herausforderungen. Tatsächlich scheitere ich…

Während ich morgens motiviert aufstehe, es heute zu schaffen, hüpft Nr 4 schon fröhlich durchs Wohnzimmer und ihr Zimmer sieht aus als ob sie die Nacht durchgebastelt hätte. An Schule nach dem Frühstück ist in diesem Chaos nicht zu denken.  Es heißt also nach dem Abräumen, Staubsaugen erst einmal aufräumen.

Währenddessen hüpft Nr 3 durchs Haus als würde er dauerhaft Stromschläge erhalten und weiß gar nicht wohin mit seinem Bewegungsdrang. ADHS ist solch einer Extremsituation bringt mich an meine psychischen Grenzen. Jetzt heißt es Schule machen. Auch an diesem Tag finden wir erst einmal eine halbe Stunde nicht das Deutschheft. Er weiß nicht mehr, wo er es hingelegt hat. Als wir es gefunden haben, beginnt die Diskussion über Sinn und Unsinn der Aufgaben und nachdem wir auf den Stand gekommen sind,  es nun doch zu erledigen, fängt er an pausenlos zu gähnen. Die Konzentration ist im Eimer und meine Nerven liegen gleich daneben.

Nr 2 sitzt in seinem Zimmer und schimpft über die Struktur, weiß nicht wo er anfangen soll und welche Blätter zusammen gehören. Also schicke ich Nr 3 raus aufs Trampolin und sortiere mit Nr 2 die Materialien.

Nr 1 ist mitten in der Pubertät und findet Familie kacke. Das bei staatlich verordnetem Hausarrest ist natürlich neben einem hüpfenden ADHS Kind ein Highlight.

Wir tragen Kämpfe aus, die ich so gar nicht gewohnt bin, denn all diese Emotionen fangen sonst die Lehrer und auch Mitschüler meiner Kinder ab. Jetzt muss ich da durch, gleich viermal und ehrlich gesagt, fehlen mir dafür absolut die Nerven.

Die Mittagsversorgung muss auch laufen. Ideen gibt es viele, Wünsche auch und Zeit eigentlich keine, denn auch ich muss ja arbeiten. Also wird schnell gekocht, einfache Gerichte, die lange Gesichter an den Tisch zaubern, was meine Laune weiter in den Keller treibt. Oh ja, es ist ein absolutes Highlight dieses Home Schooling.

Ich möchte die Aufgaben für Nr 2 ausdrucken. Das Arbeitszimmer ist besetzt. Da sitzt der Mann und hat Telefonkonferenz. Ist wichtig. Drucken geht jetzt mal gar nicht. Also Gemecker von Nr 2. Das Gemecker richtet sich natürlich an mich. Aushalten, einatmen. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

Nr 3 konnte ich nun endlich überzeugen, den Tagesplan von gestern anzufangen. Selbstständig arbeiten Fehlanzeige. Als ich in sein Zimmer gucke, macht er einen Kopfstand auf seinem Bett und filmt sich dabei… Ich atme ein. Ich atme tief ein… Aber ich weiß, auch das wird bald nicht mehr helfen. Wir versuchen es noch einmal. Ich gehe wieder gucken und er sitzt am Schreibtisch und hat seinen kompletten Inhalt der Federtasche auseinandergebaut. Aufgabenerledigung? Fehlanzeige.

Nr 4 sitzt vor dem Handy. Ich habe mir die Oma zur Hilfe rangeholt. Sie erledigt mit ihr per Videotelefonie die Aufgaben, damit ich Zeit habe, neben Nr 3 sitzen zu bleiben, denn ohne funktioniert es einfach nicht. Während ich neben ihm sitze, bearbeite ich die zahlreichen Schüler- und Elternanfragen und tausche mich mit den Kollegen aus. Immer wieder bin ich abgelenkt, weil Nr 3 die Aufgaben nicht richtig liest und meine Übersetzung benötigt. Auch muss ich ihn immer wieder daran erinnern, warum er eigentlich an diesem Schreibtisch sitzt. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

So, ich muss jetzt hier die Zeilen beenden, da es über mir poltert und ich vermute, dass Nr 3 vom Kopfstand in den Handstand übergegangen ist.

Vier Kinder und ein Mann…

Bis bald

Eure Kristin

Freitag, der 13.

Freitag, der 13….

Ich stehe vor der Klasse und sage, dass heute natürlich ein Glückstag ist…welch Ironie…denke ich mir heute acht Tage später.

Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich bin in einer, für mich, sicheren Welt groß geworden. Geborgen und sicher. Ich hatte ein stabiles Elternhaus mit viel Liebe und Wärme. Ich wurde beschützt und hatte nie das Gefühl, dass mir etwas passieren könnte….

Und dann ist es plötzlich da…

Ich bin erwachsen, habe einen Job, der eine Berufung ist, vier Kinder, ein Haus und ein Unternehmen, was aus Liebe gewachsen ist… Alles läuft…mal besser, mal schlechter, aber es läuft…

Und dann ist es plötzlich da…

Ein Virus…ich habe es in den Nachrichten gehört, aber es ist weit weg. In China irgendwo. Wuhan…eine Stadt, die ich zuvor noch nie gehört habe… Ja, es ist schlimm, aber es ist weit weg…und mein Leben geht weiter…

Und dann ist es plötzlich da…

In Italien…ziemlich nah…und doch noch ziemlich weit weg…Wie naiv denke ich mir während ich diese Zeilen schreibe… Ja, wir sind sogar noch Snowboardfahren gewesen…wie naiv denke ich mir jetzt…

Und dann ist es plötzlich da…

Österreich, Deutschland und soviele andere Länder. Über Nacht, von heute auf morgen…Meine kleine heile Welt zerfällt…

Freitag, der 13. …ich sage meinen Schülern, dass sie bitte all ihre Materialien mit nach Hause nehmen sollen für den Fall, dass die Schulen geschlossen werden. Nein, ich glaube noch nicht dran…wie naiv, denke ich mir jetzt.

Keine 24 Stunden später wird es beschlossen. Auf diesen Beschluss folgen zahlreiche weitere Beschlüsse. Ich komme kaum nach sie zu ordnen, für mich emotional zu sortieren.

In Sekunden musste ich, wie auch alle anderen Kollegen deutschlandweit, handeln. Wir mussten unserem Job eine Grundlage geben. Tausende Arbeitsblätter wurden innerhalb von zwei Tagen ausgetauscht. Zahlreiche Plattformen haben kostenfreie Zugänge für Lehrer und Schüler geschaffen, die man beantragt hat. Hauptsache etwas tun. Ich habe mich eingelesen, durchgelesen, angelesen. Ich habe ausprobiert. Meine Kinder mussten herhalten, mitspielen, mitprobieren, urteilen, Meinung abgeben.

Ich habe innerhalb von vier Tagen digitalisiert. Es war in diesen Tagen mein Job. Ja, MEIN Job. Die Eltern der Schüler haben einen anderen Job. Das wird mir immer klarer. Sie haben gar nicht die Zeit, sich so schnell neben erziehen, Home Schooling, Home Office, kochen, Wäsche waschen, Streit schlichten, Bewegung schaffen, in die Digitalisierung einzuarbeiten. DAS kann KEINER leisten!

Viele ringen um ihre Existenz, wissen nicht wie es weiter geht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, ob ihr Job erhalten bleibt, Ehen stehen vor extremen Prüfungen. 24 Stunden in vier Wänden zusammen, arbeiten, leben, beschulen…alles zusammen…kaum eine Möglichkeit sich zurückzuziehen. In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. Ich bin das nicht gewohnt. Ich bin es auch nicht gewohnt mich unter solch extremen Bedingungen mit meinen Kindern auseinanderzusetzen. Für einen Vierzehnjährigen ist die soziale Isolation Vereinsamung und Folter zugleich. Ein Alter, in dem Familie doof ist. Er muss uns 24 Stunden ertragen. Ein Kind mit ADHS…extremer Bewegungsdrang…kann dem nicht nachgehen. Ich bekomme kaum Luft zum Atmen, weil ich diesen vielen verschiedenen Bedürfnissen nicht gewachsen bin. Ich weiß, dass ich Lehrerin bin. Aber hier sind es meine eigenen Kinder. Ich bin emotional viel zu nah dran. Beschulung während ich meine eigene Klasse beschule…ein Kraftakt…Aushalten der sich schnell wechselnden Launen…ein Kraftakt…

Ja, es kann eine Chance für die Selbstständigkeit sein…leider haben wir das viel zu lange vernachlässigt. Hier zeigt sich jetzt, welche Kinder entsprechend unterrichtet wurden und welche jetzt in der Luft hängen. Eltern haben kaum Zeit Wochenpläne abzuarbeiten, kommen in Beziehungskonflikte mit ihren Kindern und müssen gleichzeitig Telefonkonferenzen führen und digitalisieren…

Jetzt heißt es, entschleunigen…den Druck rausnehmen, durchatmen…eine Chance wahrnehmen und entdecken. Als Mutter von vier Kinder ist das Abarbeiten der Wochenpläne nicht möglich. Ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht. Das heißt nicht, dass sie nichts machen müssen. Nein, sie haben ihre Zeiten. Zeiten, in denen sie Stoff wiederholen. Zeit, die wir nutzen, um das zu festigen, wofür bisher keine Zeit blieb, weil jede Stunde ein neues Thema, ein neuer Buchstabe hinzukam.

Heute waren wir im Park und haben mit Steinen Weitwurf gemacht. Dabei erklärte uns Nr 1 das Gesetz von Newton. Wir haben einen Maulwurf gesehen. Ich habe noch nie einen Maulwurf gesehen! Wir haben Bucheckern gesehen und gleichzeitig das Blatt einer Buche bestaunt. Wir haben ein Bild unserer Stadt von einem Ort gesehen, zu dem wir ohne diese Krise nie gegangen wären. Wir haben Google Maps zusammen genutzt, um uns zu orientieren und von oben auf Potsdam geschaut und viele Gebäude namentlich benannt. Ich habe meinen Kindern meine Uni gezeigt und sie haben das erste Mal gefragt, was ich eigentlich nach dem Studium gemacht habe. Wie paradox…Ich habe genau das durchgespielt, was heute hier und jetzt gerade passiert…

Ich habe mit meiner Tante per Videotelefonie gesprochen, spreche täglich mit meinen Eltern per Videotelefonie…Bis vor ein paar Tagen habe ich deren Klingeln oft mit Absicht überhört, weil ich zu tun hatte…

Aushalten…durchhalten…erhalten…Jeden Tag wache ich auf und hoffe, dass ich im Live Ticker lesen kann, dass alles vorbei und alles wie vorher ist…Bis heute…Es steckt in allem auch immer eine Chance. Wir sehen, was wirklich wichtig ist. Egal, was passiert, die Welt wird sich weiterdrehen. Unser aller Hamsterrad wurde gestoppt. Von jetzt auf gleich. Wir müssen uns sortieren, können nicht mehr so weiter machen wie bisher…Familie ist ein wertvolles Gut…das wird mir immer klarer. Familie ist eine große Herausforderung…das wird mir immer klarer. Familie ist Halt…das wird mir immer klarer.

Es ist nicht die Zeit für das Abarbeiten von Wochenplänen. Es ist Zeit, soziale Verantwortung zu übernehmen. Es ist Zeit, lernen zu verändern. Es ist Zeit denken zu verändern…bei Lehrer, Eltern und Schülern…

Freitag der 13. …ein Tag, der Veränderung.

Freitag der 13. …ein Tag, der Chancen.

Freitag der 13. …ein Tag, der uns verändert, wenn wir es zulassen…