Freitag, der 13.

Freitag, der 13….

Ich stehe vor der Klasse und sage, dass heute natürlich ein Glückstag ist…welch Ironie…denke ich mir heute acht Tage später.

Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich bin in einer, für mich, sicheren Welt groß geworden. Geborgen und sicher. Ich hatte ein stabiles Elternhaus mit viel Liebe und Wärme. Ich wurde beschützt und hatte nie das Gefühl, dass mir etwas passieren könnte….

Und dann ist es plötzlich da…

Ich bin erwachsen, habe einen Job, der eine Berufung ist, vier Kinder, ein Haus und ein Unternehmen, was aus Liebe gewachsen ist… Alles läuft…mal besser, mal schlechter, aber es läuft…

Und dann ist es plötzlich da…

Ein Virus…ich habe es in den Nachrichten gehört, aber es ist weit weg. In China irgendwo. Wuhan…eine Stadt, die ich zuvor noch nie gehört habe… Ja, es ist schlimm, aber es ist weit weg…und mein Leben geht weiter…

Und dann ist es plötzlich da…

In Italien…ziemlich nah…und doch noch ziemlich weit weg…Wie naiv denke ich mir während ich diese Zeilen schreibe… Ja, wir sind sogar noch Snowboardfahren gewesen…wie naiv denke ich mir jetzt…

Und dann ist es plötzlich da…

Österreich, Deutschland und soviele andere Länder. Über Nacht, von heute auf morgen…Meine kleine heile Welt zerfällt…

Freitag, der 13. …ich sage meinen Schülern, dass sie bitte all ihre Materialien mit nach Hause nehmen sollen für den Fall, dass die Schulen geschlossen werden. Nein, ich glaube noch nicht dran…wie naiv, denke ich mir jetzt.

Keine 24 Stunden später wird es beschlossen. Auf diesen Beschluss folgen zahlreiche weitere Beschlüsse. Ich komme kaum nach sie zu ordnen, für mich emotional zu sortieren.

In Sekunden musste ich, wie auch alle anderen Kollegen deutschlandweit, handeln. Wir mussten unserem Job eine Grundlage geben. Tausende Arbeitsblätter wurden innerhalb von zwei Tagen ausgetauscht. Zahlreiche Plattformen haben kostenfreie Zugänge für Lehrer und Schüler geschaffen, die man beantragt hat. Hauptsache etwas tun. Ich habe mich eingelesen, durchgelesen, angelesen. Ich habe ausprobiert. Meine Kinder mussten herhalten, mitspielen, mitprobieren, urteilen, Meinung abgeben.

Ich habe innerhalb von vier Tagen digitalisiert. Es war in diesen Tagen mein Job. Ja, MEIN Job. Die Eltern der Schüler haben einen anderen Job. Das wird mir immer klarer. Sie haben gar nicht die Zeit, sich so schnell neben erziehen, Home Schooling, Home Office, kochen, Wäsche waschen, Streit schlichten, Bewegung schaffen, in die Digitalisierung einzuarbeiten. DAS kann KEINER leisten!

Viele ringen um ihre Existenz, wissen nicht wie es weiter geht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, ob ihr Job erhalten bleibt, Ehen stehen vor extremen Prüfungen. 24 Stunden in vier Wänden zusammen, arbeiten, leben, beschulen…alles zusammen…kaum eine Möglichkeit sich zurückzuziehen. In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. Ich bin das nicht gewohnt. Ich bin es auch nicht gewohnt mich unter solch extremen Bedingungen mit meinen Kindern auseinanderzusetzen. Für einen Vierzehnjährigen ist die soziale Isolation Vereinsamung und Folter zugleich. Ein Alter, in dem Familie doof ist. Er muss uns 24 Stunden ertragen. Ein Kind mit ADHS…extremer Bewegungsdrang…kann dem nicht nachgehen. Ich bekomme kaum Luft zum Atmen, weil ich diesen vielen verschiedenen Bedürfnissen nicht gewachsen bin. Ich weiß, dass ich Lehrerin bin. Aber hier sind es meine eigenen Kinder. Ich bin emotional viel zu nah dran. Beschulung während ich meine eigene Klasse beschule…ein Kraftakt…Aushalten der sich schnell wechselnden Launen…ein Kraftakt…

Ja, es kann eine Chance für die Selbstständigkeit sein…leider haben wir das viel zu lange vernachlässigt. Hier zeigt sich jetzt, welche Kinder entsprechend unterrichtet wurden und welche jetzt in der Luft hängen. Eltern haben kaum Zeit Wochenpläne abzuarbeiten, kommen in Beziehungskonflikte mit ihren Kindern und müssen gleichzeitig Telefonkonferenzen führen und digitalisieren…

Jetzt heißt es, entschleunigen…den Druck rausnehmen, durchatmen…eine Chance wahrnehmen und entdecken. Als Mutter von vier Kinder ist das Abarbeiten der Wochenpläne nicht möglich. Ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht. Das heißt nicht, dass sie nichts machen müssen. Nein, sie haben ihre Zeiten. Zeiten, in denen sie Stoff wiederholen. Zeit, die wir nutzen, um das zu festigen, wofür bisher keine Zeit blieb, weil jede Stunde ein neues Thema, ein neuer Buchstabe hinzukam.

Heute waren wir im Park und haben mit Steinen Weitwurf gemacht. Dabei erklärte uns Nr 1 das Gesetz von Newton. Wir haben einen Maulwurf gesehen. Ich habe noch nie einen Maulwurf gesehen! Wir haben Bucheckern gesehen und gleichzeitig das Blatt einer Buche bestaunt. Wir haben ein Bild unserer Stadt von einem Ort gesehen, zu dem wir ohne diese Krise nie gegangen wären. Wir haben Google Maps zusammen genutzt, um uns zu orientieren und von oben auf Potsdam geschaut und viele Gebäude namentlich benannt. Ich habe meinen Kindern meine Uni gezeigt und sie haben das erste Mal gefragt, was ich eigentlich nach dem Studium gemacht habe. Wie paradox…Ich habe genau das durchgespielt, was heute hier und jetzt gerade passiert…

Ich habe mit meiner Tante per Videotelefonie gesprochen, spreche täglich mit meinen Eltern per Videotelefonie…Bis vor ein paar Tagen habe ich deren Klingeln oft mit Absicht überhört, weil ich zu tun hatte…

Aushalten…durchhalten…erhalten…Jeden Tag wache ich auf und hoffe, dass ich im Live Ticker lesen kann, dass alles vorbei und alles wie vorher ist…Bis heute…Es steckt in allem auch immer eine Chance. Wir sehen, was wirklich wichtig ist. Egal, was passiert, die Welt wird sich weiterdrehen. Unser aller Hamsterrad wurde gestoppt. Von jetzt auf gleich. Wir müssen uns sortieren, können nicht mehr so weiter machen wie bisher…Familie ist ein wertvolles Gut…das wird mir immer klarer. Familie ist eine große Herausforderung…das wird mir immer klarer. Familie ist Halt…das wird mir immer klarer.

Es ist nicht die Zeit für das Abarbeiten von Wochenplänen. Es ist Zeit, soziale Verantwortung zu übernehmen. Es ist Zeit, lernen zu verändern. Es ist Zeit denken zu verändern…bei Lehrer, Eltern und Schülern…

Freitag der 13. …ein Tag, der Veränderung.

Freitag der 13. …ein Tag, der Chancen.

Freitag der 13. …ein Tag, der uns verändert, wenn wir es zulassen…