Vier Kinder und ein Mann

Vier Kinder und ein Mann

Während ich diese Zeilen schreibe, telefoniert Nummer 4 mit der Oma. Es ist 18:43Uhr und sie liest ihr per Videotelefonie eine Gute Nacht Geschichte vor.

Nr 3 soll eigentlich duschen, hängt aber am Fenster und brüllt Nr 2, der noch im Garten spielt, lauthals zu. Zum Glück darf man sich nur eingeschränkt bewegen, sonst würden hier wahrscheinlich gleich zahlreiche Nachbarn vor der Tür stehen und sich über das Gebrüll beschweren.

Shut down in Deutschland, na ja zumindest in der Stadt, in der wir leben. Die Kinder sind seit elf Tagen zu Hause und wir sind Eltern, Lehrer und Arbeitnehmer in einem. Unser Zu Hause ist momentan ein Multifunktionsgebäude so wie wir Eltern….Multifunktionseltern.

In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. An Rückzug ist nicht zu denken. In meinem Schlafzimmer turnt der Mann und die Kinder. In meinem Wohnzimmer ist unser Online Fitnessstudio aufgebaut. The show must go on… Wie bei uns allen. Und genau diesen Punkt sollten wir alle nicht vergessen. Jeder von uns hat die gleichen Herausforderungen zu meistern.

Nein, Eltern sollten keine Lehrer sein und ja, ich liebe die Lehrer meiner Kinder. Sie leisten täglich Großartiges, denn sie haben nicht nur meine Kinder zu beschulen, sondern teilweise bis zu 30 Schüler gleichzeitig mit unterschiedlichen Herausforderungen. Tatsächlich scheitere ich…

Während ich morgens motiviert aufstehe, es heute zu schaffen, hüpft Nr 4 schon fröhlich durchs Wohnzimmer und ihr Zimmer sieht aus als ob sie die Nacht durchgebastelt hätte. An Schule nach dem Frühstück ist in diesem Chaos nicht zu denken.  Es heißt also nach dem Abräumen, Staubsaugen erst einmal aufräumen.

Währenddessen hüpft Nr 3 durchs Haus als würde er dauerhaft Stromschläge erhalten und weiß gar nicht wohin mit seinem Bewegungsdrang. ADHS ist solch einer Extremsituation bringt mich an meine psychischen Grenzen. Jetzt heißt es Schule machen. Auch an diesem Tag finden wir erst einmal eine halbe Stunde nicht das Deutschheft. Er weiß nicht mehr, wo er es hingelegt hat. Als wir es gefunden haben, beginnt die Diskussion über Sinn und Unsinn der Aufgaben und nachdem wir auf den Stand gekommen sind,  es nun doch zu erledigen, fängt er an pausenlos zu gähnen. Die Konzentration ist im Eimer und meine Nerven liegen gleich daneben.

Nr 2 sitzt in seinem Zimmer und schimpft über die Struktur, weiß nicht wo er anfangen soll und welche Blätter zusammen gehören. Also schicke ich Nr 3 raus aufs Trampolin und sortiere mit Nr 2 die Materialien.

Nr 1 ist mitten in der Pubertät und findet Familie kacke. Das bei staatlich verordnetem Hausarrest ist natürlich neben einem hüpfenden ADHS Kind ein Highlight.

Wir tragen Kämpfe aus, die ich so gar nicht gewohnt bin, denn all diese Emotionen fangen sonst die Lehrer und auch Mitschüler meiner Kinder ab. Jetzt muss ich da durch, gleich viermal und ehrlich gesagt, fehlen mir dafür absolut die Nerven.

Die Mittagsversorgung muss auch laufen. Ideen gibt es viele, Wünsche auch und Zeit eigentlich keine, denn auch ich muss ja arbeiten. Also wird schnell gekocht, einfache Gerichte, die lange Gesichter an den Tisch zaubern, was meine Laune weiter in den Keller treibt. Oh ja, es ist ein absolutes Highlight dieses Home Schooling.

Ich möchte die Aufgaben für Nr 2 ausdrucken. Das Arbeitszimmer ist besetzt. Da sitzt der Mann und hat Telefonkonferenz. Ist wichtig. Drucken geht jetzt mal gar nicht. Also Gemecker von Nr 2. Das Gemecker richtet sich natürlich an mich. Aushalten, einatmen. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

Nr 3 konnte ich nun endlich überzeugen, den Tagesplan von gestern anzufangen. Selbstständig arbeiten Fehlanzeige. Als ich in sein Zimmer gucke, macht er einen Kopfstand auf seinem Bett und filmt sich dabei… Ich atme ein. Ich atme tief ein… Aber ich weiß, auch das wird bald nicht mehr helfen. Wir versuchen es noch einmal. Ich gehe wieder gucken und er sitzt am Schreibtisch und hat seinen kompletten Inhalt der Federtasche auseinandergebaut. Aufgabenerledigung? Fehlanzeige.

Nr 4 sitzt vor dem Handy. Ich habe mir die Oma zur Hilfe rangeholt. Sie erledigt mit ihr per Videotelefonie die Aufgaben, damit ich Zeit habe, neben Nr 3 sitzen zu bleiben, denn ohne funktioniert es einfach nicht. Während ich neben ihm sitze, bearbeite ich die zahlreichen Schüler- und Elternanfragen und tausche mich mit den Kollegen aus. Immer wieder bin ich abgelenkt, weil Nr 3 die Aufgaben nicht richtig liest und meine Übersetzung benötigt. Auch muss ich ihn immer wieder daran erinnern, warum er eigentlich an diesem Schreibtisch sitzt. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

So, ich muss jetzt hier die Zeilen beenden, da es über mir poltert und ich vermute, dass Nr 3 vom Kopfstand in den Handstand übergegangen ist.

Vier Kinder und ein Mann…

Bis bald

Eure Kristin