Konzentrier dich doch endlich mal!

Am Rande des Nervenzusammenbruchs…mein Homeschooling Namens AD (H) S…

Heute sprichst du mir eine Sprachnachricht und weinst. Du kommst zu Hause kaum klar. Das erste Mal bist du in einer Situation, die dich emotional in deiner Eltern-Kind-Beziehung an deine Grenzen bringt.

Dein Kind hat AD (H) S. Du erlebst es sonst „nur“ am Nachmittag und auch da ist es oft chaotisch und es geht drunter und drüber. An Schule machen ist nicht zu denken. Dein Kind ist fertig vom Tag.

Entweder hat es sich acht Stunden in der Schule so dermaßen angestrengt „normal“ zu sein und nicht aufzufallen oder es hat versucht „zu funktionieren“. Du bekommst das sonst gar nicht so extrem mit, weil es ja in der Schule ist. Jetzt sitzt du zu Hause und bettelst dein Kind an, dass es sich doch bitte konzentrieren soll. Auch du möchtest, dass es funktioniert, weil ihr den Plan schaffen müsst.  Du hast erst vor kurzem die Diagnose bekommen und dich noch gar nicht wirklich damit auseinandergesetzt, was das eigentlich bedeutet.

Lernen, wenn das Kind nicht „funktioniert“

Wie du sicherlich schon oft gelesen hast, arbeiten beide Gehirnhälften unterschiedlich. Diesem Satz hast du bisher wahrscheinlich eher in witzigen Situationen Bedeutung beigemessen. Gerade jetzt in Zeiten des Homeschoolings ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die du als Eltern benötigst, um deine Grenzen und die deines Kindes zu wahren und schützen.

Es gibt Menschen, die mathematische Formeln ausrechnen ohne mit der Wimper zu zucken, für andere sind es böhmische Dörfer. Es gibt Kinder, die wahnsinnig schnell auswendig lernen, andere quälen sich unendlich damit – und das obwohl beide im gleichen Unterricht sitzen und das gleiche Wissen vermittelt bekommen.

Wir wurden damals so beschult, dass hauptsächlich unsere linke Hirnhälfte beansprucht wurde, egal, ob sie bei uns gut ausgebildet gewesen ist oder nicht. Viele Eltern und auch Lehrer gehen heute mit denselben Methoden vor. Eltern, weil sie es so gelernt haben, Lehrer, weil sie es für gut befinden. Jeder nach bestem Wissen und Gewissen.

Für euch zu Hause ist es jetzt von Vorteil, wenn ihr Arbeitstechniken findet, die beide Gehirnhälften beanspruchen, um Stress zu vermeiden. Hier kann ich auf jeden Fall z.B. die ABC-Listen von Vera F. Birkenbihl empfehlen. Wenn Interesse besteht, kann ich gern hierzu auch nochmal etwas schreiben.

Deine Gehirnhälften

Deine rechte Gehirnhälfte ist für die visuelle Wahrnehmung  und auch Kreativität zuständig. Hier kommen auch unsere Emotionen zum Vorschein. Mit der rechten Gehirnhälfte lässt du deiner Fantasie freien Lauf, du gibst Tagträumen eine Chance und malst die Bilder in deinem Kopf farbig aus.

Deine linke Gehirnhälfte ist für die puren Fakten zuständig. Hier finden Zahlen, Fakten, Bedienungsanleitungen und Daten ihren Platz. Sie arbeitet nicht emotional, sondern logisch. Alles, was du lernst, wird hier gespeichert, so auch Auto- und Fahrradfahren. Besonders wichtig ist diese Erkenntnis für dich als Homeschooling-Eltern zu Hause. Auch das Lesen ist hier angesiedelt.

Welche Gehirnhälfte bei kleinen Kindern vor Schuleintritt ausgeprägt ist, muss ich nicht näher beschreiben. Mit Zahlen und Fakten können die Kleinen noch nicht viel anfangen. Hier spielen Farben und Fantasie eine dominierende Rolle. Erst mit Schuleintritt verliert die rechte Hälfte ihre Dominanz.

Deshalb nutzt die jetzige Zeit, um ihr wieder Aktivität zu verschaffen. Erwachsene, die in ihrer Kindheit keine Möglichkeit hatten, der rechten Gehirnhälfte Kraft zu geben, hat später eine Unterentwicklung der rechten Gehirnhälfte zu verzeichnen.

Gedächtnis

Auch ist es wichtig, einiges über das Gedächtnis deines Kindes zu wissen, um mit Diagnosen umgehen zu können und die Zeit jetzt zu Hause gut zu meistern.

Ich könnte jetzt eine wissenschaftliche Abhandlung darüber schreiben. Dann hätte ich allerdings das Problem, dass du nicht weiterliest. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass du dein Kind verstehst.

Du hast mit Sicherheit schon einmal etwas vom Arbeitsspeicher gehört. So haben wir auch ein Arbeitsgedächtnis. Man sagt, dass das Arbeitsgedächtnis nur 7 Informationen speichern kann. Dessen solltest du dir bewusst werden. Eine Information kann ein Gedicht, aber auch einfach eine einzige Zahl sein oder ein Auftrag wie „Geh Hände waschen“. Oftmals ist das der Auslöser für Streitigkeiten und den Gedanken „warum funktioniert es nicht?!“. Gerade bei Kindern mit AD (H) S ist das ein Wissen, was du im Alltag benötigst, um nicht zu verzweifeln. Wenn wir etwas willentlich machen, also zB Hände waschen gehen, strengt das an und erfordert maximale Konzentration. Vor allem fordert es Konzentration, wenn es nicht automatisiert ist und den Arbeitsspeicher immer wieder fordert. Gibst du deinem Kind also mehrere Aufträge gleichzeitig, geht der erste verloren, dann der Zweite usw. Erinnere dich wieviel maximal gespeichert bleiben! 7 !

Ein gutes Beispiel hier ist das Lernen des Autofahrens. Hier müssen viele Abläufe gleichzeitig passieren, ansonsten kannst du nicht losfahren oder anhalten. Es muss eine Automatisierung stattfinden, damit der Arbeitsspeicher nicht heiß läuft und aussetzt. So ist es auch beim Lernen der Malfolgen. Sie müssen automatisiert werden, damit Platz für weitere Informationen sind, sonst scheitert das Kind immer wieder an der weiterführenden Mathematik, da der Arbeitsspeicher für neue Aufgaben keinen Platz hat. Er ist überlastet mit der Malfolge.

Es ist wichtig, dass Lernen zu unterteilen. Fange an, genau das zu verstehen, um deinem Kind zu helfen! Es wird euch beiden nicht helfen, wenn ihr im Stoff zu Hause weitermacht und der Arbeitsspeicher deines Kindes explodiert, weil die Unterthemen noch nicht automatisiert sind. Nimm dir genau JETZT hierfür Zeit! Beispiele für Automatisieren sind das Silben lesen und klatschen, Buchstaben erkennen, lernen von unregelmäßigen Verben in englisch und natürlich das kleine Einmaleins.

Auch Schwimmen und Fahrradfahren ist ein Automatisierungsprozess. Kannst du dich an den Satz erinnern: „Fahrradfahren und Schwimmen verlernst du nie wieder.“ ? Genau das ist Automatisierung.

Konzentrier dich doch endlich mal

Sei ehrlich, wie oft hast du diesen Satz schon gesagt? Also ich seeeeehr oft und ja, nachdem ich meine Ausbildung zur AD (H) S-Trainerin absolviert haben, ging er mir durch Mark und Knochen. Ich hätte am liebsten die Zeit zurück gedreht.

Hast du dir mal die Frage gestellt, was du unter Konzentration verstehst? Welches Verhalten erwartest du in dem Moment, wo du diese Aufforderung aussprichst?

Für mich bedeutet es, sich nicht von anderen Dingen ablenken lasse, voll und ganz vertieft in die Sache. So! Und nun betrachte dich mal! Denke an die letzten Tage oder an Arbeitssituationen. Bist du ganz bei der Sache? Also ich sitze am Esstisch und denke an die Wäsche, die ich noch aufhängen muss. Ich sitze in der letzten Schulstunde und denke daran, dass alle meine Kinder hoffentlich pünktlich am Auto sind. Ich schreibe diesen Text und denke daran, dass ich nicht vergessen darf, die Eltern meiner Schüler anzurufen. Tja, so voll und ganz bei der Sache sind wir Erwachsenen wohl auch nicht oder steht es bei dir anders? Wir eilen in Gedanken unserer Zeit voraus.

Und wie sage ich so oft? Kinder lernen durch soziales Lernen. Sie kopieren uns, sie beobachten uns. Sie sehen, dass wir schnell unsere Nachrichten checken während wir den Tisch decken, die Butter aus dem Kühlschrank holen und die Kinder ans Zähne putzen erinnern. Ist es bei dir anders?

Wie soll also dein Kind wissen, was „Konzentration“ bedeutet? Es hat dich noch nie wirklich konzentriert, also bei einer Sache verweilen, gesehen. Nutze deine Zeit des Homeschoolings deinem Kind genau das beizubringen. Konzentration kann entwickelt und erlernt werden. Setze dich hin, nimm dir ein Buch und vertiefe in diesem Buch, so sehr, dass du aufschreckst, wenn dein Kind dich anspricht. Das ist Konzentration! Das ist es, was du jetzt beibringen kannst!

Ich freue mich, wenn ich euch einen kleinen Einblick geben konnte. Im nächsten Blog wird es um das Thema Lernen gehen. Ich freue mich auf euch.

Eure Kristin