Kategorie Archiv: Ein Herz für Schule

Und die Tränen laufen

Schulstart 2020

Es ist wieder soweit. Ein neues Schuljahr startet und damit endet für viele Kinder ein Stück Kindheit. Jedes Jahr fließen zahlreiche Tränen beim Abschlussfest in der Kita bei Eltern und Erzieherinnen und Erziehern. Zum einen, weil nun endgültig ein Kapitel geschlossen wird, zum anderen, weil ein neues, aufregendes Kapitel startet.

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Ich kann mich bei jedem meiner Kinder an diesen Tag erinnern. Das Abschlussfest in der Kita war für mich persönlich alle viermal eine emotionale Herausforderung. Schon bevor es am Nachmittag losging, hatte ich einen Kloß im Hals und nur allein beim Gedanken daran, flossen bei mir die Tränen. Je älter die Kinder werden, desto stärker wächst in mir das Gefühl, dass ich diese wertvollen Momente in meiner Erinnerung nicht verlieren möchte. Ich möchte sie für immer festhalten.

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Und auch die Einschulung ist einer der emotionalsten Momente in meinem Leben bisher gewesen. Wenn alle auf ihren Plätzen sitzen und dein Kind plötzlich allein an dir vorbeigeht, deine Hand nicht mehr braucht und zur Lehrerin / Lehrer aufschaut, weiß ich: jetzt sind Mama und Papa keine Superhelden mehr. Jetzt sind wir Menschen, die Fehler machen und diese Fehler gesehen werden. Es ist ein Moment, der sehr viel mehr ist als nur eine Schultüte zu überreichen. Meine Kinder haben in diesem Moment ein großes Stück Verantwortung bekommen und ich bin jedes Mal ein wenig älter geworden.

Heute sind die Kinder 14, 12, 10 und 7 und ich schaue mit Stolz auf sie. Doch das Schönste ist, dass ich beruflich diese Momente jedes Jahr erleben darf. Jedes neue Schuljahr sehe ich die Eltern der „Erstis“ vor der Schultür stehen und darauf warten, dass die Kinder noch einmal aus dem Fenster winken. Sie warten darauf, dass sie gebraucht werden und wenn es nur für ein kurzes Augenzwinkern ist.

Wenn ich daran denke, was wir beim Ersten noch alles in die Schultüte gepackt haben, wird mir ganz anders. Die Industrie möchte verkaufen, das ist klar und doch gibt es so viel, was eigentlich gar nicht benötigt wird. Ich finde Dinge gut, von denen man lange etwas hat und die nicht gleich beim nächsten Großputz im blauen Sack verschwinden.

Was auf jeden Fall nicht fehlen darf ist eine Brotbox und eine Trinkflasche. In den meisten Schulen gibt es eine Frühstückspause, in der die Kinder ihr Brot essen, was die Eltern eingepackt haben. Mir ist es wichtig, dass die Kinder ausreichend Essen dabeihaben, für den Fall, dass das Mittag in der Mensa nicht schmeckt. Ich hatte es am Anfang so oft, dass die Kinder mir erzählt haben, dass sie in der Schule noch Hunger hatten, weil sie zu wenig Essen dabeihatten. Seitdem gibt es bei uns eine Brotbox, in der ausreichenden Platz für Obst, Gemüse, Brot oder Zwiebelkuchen ist. Da auch bei uns die Spülmaschine dauerhaft läuft, habe ich immer noch eine Reservebox parat. Schaut doch mal hier: https://amzn.to/2NSAfRI

Im Winter gebe ich zusätzlich gern noch warmes Essen mit. Meistens bleibt vom Vortag noch etwas übrig, was ich morgens in der Mikrowelle warm mache und dann in den Thermobehälter gebe. Das ersetzt oftmals das Mittagessen in der Mensa. Nr 3 isst sowieso sehr viel lieber warm, so dass er diesen Behälter liebt. Auf Grund seines ADHS´s benötigt er viele kleine Mahlzeiten, so dass seine Konzentration bis Schulschluss durchhält. Ich mache das Essen morgens 06:30Uhr warm und mittags 12Uhr ist es immer noch warm. Auf solche Dinge kommt man nicht von Anfang an, umso besser, wenn es bereits ein Geschenk in der Schultüte ist. Es gibt für jeden Geschmack die richtige Größe und auch Besteck ist bei den meisten Produkten dabei. Schaut doch hier mal nach: https://amzn.to/2D54e6E

Alle vier Kinder gehen einem sportlichen Hobby nach, so dass wir in den letzten 15 Jahren mit Sicherheit schon über 200 Trinkflaschen gekauft und verloren haben oder diese kaputt gegangen sind. Am schlimmsten ist es, wenn die Dinger im Ranzen auslaufen. Dann hast du nämlich nicht nur ein Highlight – die ausgelaufene Trinkflasche, sondern gleich zwei – die nass durchtränkten Schulsachen. Glaubt mir, davon habe ich schon zahlreiche erlebt. Auch als Lehrerin geht mir mindestens einmal in der Woche eine Stunde abhanden, auf Grund ausgelaufener Trinkflaschen und damit Tränen und Schulmaterialien trocknen. Ich schwöre seit einem Jahr auf die Air up Flaschen. Kinder trinken erfahrungsgemäß sehr sehr wenig in der Schule. Diese Trinkflaschen sind bisher bei uns noch nicht ausgelaufen und das Beste daran ist, dass sie aus purem Wasser Geschmackswasser ohne Zucker machen. Wie ihr alle wisst, ist Zucker das Schlimmste, was ihr uns Lehrern antun könnt, denn dann lässt schlagartig die Konzentration nach und an Unterrichten ist kaum noch zu denken. Nr 2 trinkt aus dieser ;“ target=“_blank“ rel=“noreferrer noopener“>Flasche am Tag locker drei Liter und auch Nr 1 hat mit seinen 14 Jahren endlich seine Lust am Trinken entdeckt. Die Geschmacksringe gibt es in praktischen ;“ target=“_blank“ rel=“noreferrer noopener“>Nachfüllpacks. Im Bereich Sport kann ich diese Flaschen auch nur empfehlen. Immer wieder erleben wir, dass die Leute zu wenig trinken Wasser schmeckt ihnen nicht und es gibt sogar welche, denen richtig schlecht dabei wird. Diese Flasche hat große Wunder bei ihnen bewirkt. Schaut doch hier mal nach: https://amzn.to/2Z0SBGl

Diese drei Dinge sind aus meiner Sicht absolute Must-Haves in der Schultüte. Leider musste ich viele Jahre Erfahrung sammeln, die von Kind zu Kind dazu geführt haben, die gekauften Dinge zu minimieren und optimieren. Hierzu trägt natürlich auch mein Job eine Menge bei und die damit gesammelten Erfahrungen.

Die Einschulung…dieses Jahr ganz anders… ein Jahr, in dem wir Eltern und auch Pädagogen gefordert sind, diesen Tag trotzdem zum Schönsten werden zu lassen, mit all unseren Möglichkeiten. Ich weiß, dass es nicht einfach ist und doch weiß ich, dass es möglich ist.

Lasst die Tränen laufen – es gehört dazu, denn ein Stück Kindheit nimmt ihren Abschied.

Um jeden Preis

Um jeden Preis…

Und da sitzen wir Eltern, den Druck im Nacken und geben ihn weiter. Täglich werden neue Listen mit Arbeit in den unterschiedlichsten Portalen hochgeladen und manch einer sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Wir alle nehmen zur Zeit am größten Sozialexperiment aller Zeiten teil, ob wir wollen oder nicht. Hier gab es diesmal kein Häkchen, wo wir unsere Zustimmung geben konnten.

Von heute auf morgen müssen sich Familien neu organisieren. Familien stehen auf dem Prüfstand. Jeder von uns übt momentan mehrere Jobs gleichzeitig aus. Seid euch alle dessen bewusst! Ich habe heute wieder zahlreiche Emails bekommen, in denen Eltern bundesweit mir ihre Verzweiflung mitteilen. Sie denken, dass sie die einzigen aus der Klasse sind, die das Pensum nicht schaffen.

Ich sage euch: NEIN! Und HALT STOP! Niemand muss dieses Pensum schaffen. Es wird nicht erwartet. Wir Lehrer haben einen Job und den führen auch wir momentan auf eine ganz neue Art und Weise aus. Es ist für uns unbekannt, nicht in die Lernsituation eurer Kinder eingreifen zu können. Unser Job ist es, zu unterrichten und zu steuern. Wenn wir sehen, dass es in die falsche Richtung geht, greifen wir ein. DAS können wir momentan nicht aus der Ferne. Wir sind auf euch angewiesen. Auch in der Schule schaffen nicht alle Kinder das gleiche Pensum. DAS ist unser Job. In den 90 Minuten passen wir fortwährend an, individuell. Ich kenne niemanden, der vorn steht und von allen das Gleiche verlangt. Wir geben uns zufrieden, wenn Aufgaben nicht geschafft werden. Auch bei uns laufen Stunden nicht gut. Auch wir haben Stunden, aus denen wir rausgehen und denken: Mist, morgen nochmal von vorn. Das war nichts.

Ihr seid Eltern! Und Eltern sollten keine Lehrer sein. Macht euch diesen Satz bewusst! Wir geben euch Material an die Hand, damit eure Kinder zu Hause lernen können. Wir geben euch kein Material, damit ihr zu Hause unter Druck seid, alles schaffen zu müssen. Wir sind uns bewusst darüber, dass wir nicht, wenn alles vorbei ist, so tun können als wäre nichts passiert.

Der Stress zieht sich grad durch alle Häuser. Das seht ihr an den Rückmeldungen in den sozialen Netzwerken. Egal in welcher Konstellation Familien zusammenleben, es ist eine nie da gewesene Herausforderung!

Schule hat vorher auch schon für Stress gesorgt, nur dass es größtenteils in der Schule ausgetragen und verarbeitet wurde. Jetzt finden wir diesen Stress in unseren eigenen vier Wänden – unserem zu Hause.

Gerade jetzt liebe Eltern, ist es so enorm wichtig, dass ihr auf eure Grenzen achtet. Zieht Grenzen in dem Stoff, der euch gegeben wird. Selbstständiges Arbeiten ist eine Kompetenz, die über Jahre geübt werden muss. Das funktioniert nicht über Nacht und nur weil Corona plötzlich da ist. Schaut euch auf Arbeit um. Auch viele Erwachsene haben enorme Herausforderungen mit dem selbstständigen Arbeiten.

Ja, ich als Mutter sehe in dieser Zeit mehr als deutlich, dass Schule mehr ist… Meine Intension damals Lehrerin zu werden, war eine Gemeinschaft zu fördern. Eine Gemeinschaft aus Eltern, Lehrern, Schülern und Experten, denn das ist Schule. Weder der eine noch der andere kann das allein meistern und bewältigen. Ich bekomme zahlreiche Nachrichten, in denen Eltern aus allen Bundesländern mir schildern, dass sie jetzt endlich verstehen, woran es bei ihrem Kind scheitert. Ja, das ist doch etwas Positives, denn hieraus entsteht eine Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern – Verständnis füreinander! Ich bekomme Emails aus allen Bundesländern, dass die Kinder doch keine Inselbegabung haben, sondern einfach nur selbstständig lernen können. Ja, auch das ist doch etwas Positives!

Auch ich bin als Mutter von vier Kindern teilweise überfordert von all den Materialien, Apps und Links, aber auch hier bitte ich euch ein wenig um Verständnis. Wir waren nicht vorbereitet auf diese Situation. Unser Bildungssystem ist dafür nicht ausgebildet. Wir sitzen jetzt zu Hause, weg von unseren Schülern, unser Hauptarbeitsmittel, mit Dienstpflichten im Nacken, mit Erwartungen auf der Brust. „Das ist dein Job meine Liebe“, schrieb mir heute eine Mutter… Ja, das stimmt und wir alle versuchen unseren Job bestmöglich auszuführen, jeder nach seinen Möglichkeiten.

In der ersten Woche habe ich dieselben Fehler gemacht. Erstmal viel Material zur Verfügung gestellt, um meine Arbeit zu machen, um Erwartungen zu erfüllen. Ich habe mehr als 12 Stunden am Tag gearbeitet, um mich möglichst schnell digital weiterzubilden. Dabei habe ich ganz vergessen, dass die Eltern meiner Schüler gar nicht die Zeit dazu haben, sich ebenso schnell weiterzubilden. Ich habe sie also nicht da abgeholt, wo sich einige befinden, denn auch bei den Eltern gibt es erhebliche Unterschiede in der Medienkompetenz.

Ja, es gibt Familien, die können das bewältigen und ja, es gibt auch Kinder, die genau das brauchen und auch ihnen müssen wir gerecht werden. Es gibt aber auch Elternhäuser, wo beide Elternteile in systemkritischen Berufen arbeiten und die Kinder in der Notbetreuung sind. Diese Eltern haben am Nachmittag gar nicht mehr die psychischen Ressourcen, um Unterricht zu vermitteln.

Es gibt Familien, die weit unter der Mindestgrenze leben. Familien, die die technischen Möglichkeiten nicht besitzen. Familien, in denen sieben und mehr Geschwister auf 60 qm leben und es keinen Ort des Rückzugs gibt. Familien, die sich wenig um ihre Kinder kümmern. Familien mit erheblichen Sprachbarrieren. Familien, die Schule nie einer Bedeutung beigemessen haben. Familien, die vor 30 Jahren das letzte Mal in der Schule gewesen sind und vom „Imperativ“ noch nie etwas gehört haben.

All diese Kinder können wir im wahren Unterricht abholen, den Stoff der Situation anpassen. Das fällt jetzt weg.

„Warum macht ihr denn keinen Online-Unterricht“ wurde ich heute gefragt. Unterricht muss JEDEM zugänglich sein. Um Online Unterricht zu machen, müsste JEDER die technischen Voraussetzungen haben. Um Online Unterricht zu machen, müssten alle eine entsprechende Medienkompetenz haben….all das wurde bisher verpasst in unserem Bildungssystem und genau deshalb können wir Online Unterricht nicht verpflichtend anbieten, sondern nur als Möglichkeit.

Heute lese ich in der Zeitung, dass Eltern in MV verzweifelt sind und sagen, dass die Hälfte das nicht packen wird. Sozialer Sprengstoff wird es genannt. Und noch einmal: bitte liebe Eltern, setzt euch nicht unter Druck! Keiner kann so tun als wenn nichts gewesen wäre.

Unser Satz „Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie stehen“ wird mehr denn je Bedeutung haben, wenn wir wieder zum Normalbetrieb übergehen! Darüber sind wir uns alle einig.

„Ich sitze mit meiner Tochter von 08:30Uhr – 18:30Uhr, um das alles zu schaffen, weil ich das Gefühl habe, ich bin die einzige Mutter, die das nicht auf die Reihe bekommt. Ich möchte so gern Märchen mit meiner Tochter gucken.“ Dann tu das bitte! Märchen gucken ist auch lernen, wenn ihr darüber sprecht und euch über die Handlung unterhaltet. Märchen ist sogar ein eigenes Thema im Deutschunterricht. Also guck bitte Märchen anstatt über Englisch zu sitzen – eine Sprache, die du nie gelernt hast und damit deinem Kind auch gar nicht richtig beibringen kannst. Mach, das was du kannst, denn das machst du gut! Bei allem anderen leidet eure Eltern-Kind-Beziehung und das ist in der jetzigen Situation das Letzte, was ihr gebrauchen könnt.

Wir haben als Familien eine nie dagewesene Situation zusammen zu bewältigen und das Fördern sozialer Kompetenzen ist jetzt wichtiger denn je, denn eure Kinder werden sich an genau diese Kompetenzen erinnern, wenn sie eine Krise allein meistern müssen. Das ist es, was ihr ihnen jetzt beibringen könnt!

Ich kenne keinen Kollegen, der zur Zeit die Sonne genießt. Alle meine Kollegen arbeiten unter Hochdruck, um alles so normal wie möglich zu halten, damit das Lernen  für ALLE weiter stattfinden kann. Wir tauschen uns aus, nicht nur untereinander im Kollegium, sondern bundesweit. Ich stand noch nie mit so vielen Lehrer wie jetzt in Kontakt, denn jedes Bundesland handhabt es anders. Wir gucken Webinare, YouTube Tutorials und machen live.Schaltungen, um zusammen ein Erklärvideo zu drehen. Wir machen bis in die Nacht Videokonferenzen, um die verschiedenen Tools auszuprobieren und das optimalste für die eigene Klasse zu finden. Wir beantragen füreinander Lizenzen bei zahlreichen Lernplattformen und tauschen diese aus. Wir testen bis spät in die Nacht unterschiedliche Plattformen und tauschen uns anschließend aus, um die optimalste für die eigene Klasse zu finden. Nein, wir sitzen nicht in der Sonne!

Ja, in jedem Schlechten steckt etwas Gutes. Die Digitalisierung hat innerhalb von 11 Tagen einen enormen Fortschritt gemacht. In meinen Augen einen so gewaltigen Fortschritt wie ich ihn ohne Corona in den nächsten 10 Jahren für mich nicht erreicht hätte. Das ist der beste Praxistest, den wir als Schule und Eltern haben können, denn dieses Wissen hätten wir im Unterricht niemals an den Mann bringen und umsetzen können. Niemals hätte ich mit meinen Schülern soviel ausprobieren können. Für mich als Lehrerin hat es einen enormen Mehrwert bis jetzt gebracht. Ich fühle mich sehr verbunden mit den Eltern meiner Schüler, denn es zeigt auf beeindruckende Art und Weise wie Zusammenarbeit funktioniert.

Also liebe Eltern, lernt, aber arbeitet nicht ab. Macht, das was ihr könnt, denn das werdet ihr gut machen!

Ja, ich werde sentimental, wenn ich darüber nachdenke, denn genau das war meine Intension als ich Lehrerin wurde…

Schule ist soviel mehr…um jeden Preis….

Eure Kristin

Vier Kinder und ein Mann

Vier Kinder und ein Mann

Während ich diese Zeilen schreibe, telefoniert Nummer 4 mit der Oma. Es ist 18:43Uhr und sie liest ihr per Videotelefonie eine Gute Nacht Geschichte vor.

Nr 3 soll eigentlich duschen, hängt aber am Fenster und brüllt Nr 2, der noch im Garten spielt, lauthals zu. Zum Glück darf man sich nur eingeschränkt bewegen, sonst würden hier wahrscheinlich gleich zahlreiche Nachbarn vor der Tür stehen und sich über das Gebrüll beschweren.

Shut down in Deutschland, na ja zumindest in der Stadt, in der wir leben. Die Kinder sind seit elf Tagen zu Hause und wir sind Eltern, Lehrer und Arbeitnehmer in einem. Unser Zu Hause ist momentan ein Multifunktionsgebäude so wie wir Eltern….Multifunktionseltern.

In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. An Rückzug ist nicht zu denken. In meinem Schlafzimmer turnt der Mann und die Kinder. In meinem Wohnzimmer ist unser Online Fitnessstudio aufgebaut. The show must go on… Wie bei uns allen. Und genau diesen Punkt sollten wir alle nicht vergessen. Jeder von uns hat die gleichen Herausforderungen zu meistern.

Nein, Eltern sollten keine Lehrer sein und ja, ich liebe die Lehrer meiner Kinder. Sie leisten täglich Großartiges, denn sie haben nicht nur meine Kinder zu beschulen, sondern teilweise bis zu 30 Schüler gleichzeitig mit unterschiedlichen Herausforderungen. Tatsächlich scheitere ich…

Während ich morgens motiviert aufstehe, es heute zu schaffen, hüpft Nr 4 schon fröhlich durchs Wohnzimmer und ihr Zimmer sieht aus als ob sie die Nacht durchgebastelt hätte. An Schule nach dem Frühstück ist in diesem Chaos nicht zu denken.  Es heißt also nach dem Abräumen, Staubsaugen erst einmal aufräumen.

Währenddessen hüpft Nr 3 durchs Haus als würde er dauerhaft Stromschläge erhalten und weiß gar nicht wohin mit seinem Bewegungsdrang. ADHS ist solch einer Extremsituation bringt mich an meine psychischen Grenzen. Jetzt heißt es Schule machen. Auch an diesem Tag finden wir erst einmal eine halbe Stunde nicht das Deutschheft. Er weiß nicht mehr, wo er es hingelegt hat. Als wir es gefunden haben, beginnt die Diskussion über Sinn und Unsinn der Aufgaben und nachdem wir auf den Stand gekommen sind,  es nun doch zu erledigen, fängt er an pausenlos zu gähnen. Die Konzentration ist im Eimer und meine Nerven liegen gleich daneben.

Nr 2 sitzt in seinem Zimmer und schimpft über die Struktur, weiß nicht wo er anfangen soll und welche Blätter zusammen gehören. Also schicke ich Nr 3 raus aufs Trampolin und sortiere mit Nr 2 die Materialien.

Nr 1 ist mitten in der Pubertät und findet Familie kacke. Das bei staatlich verordnetem Hausarrest ist natürlich neben einem hüpfenden ADHS Kind ein Highlight.

Wir tragen Kämpfe aus, die ich so gar nicht gewohnt bin, denn all diese Emotionen fangen sonst die Lehrer und auch Mitschüler meiner Kinder ab. Jetzt muss ich da durch, gleich viermal und ehrlich gesagt, fehlen mir dafür absolut die Nerven.

Die Mittagsversorgung muss auch laufen. Ideen gibt es viele, Wünsche auch und Zeit eigentlich keine, denn auch ich muss ja arbeiten. Also wird schnell gekocht, einfache Gerichte, die lange Gesichter an den Tisch zaubern, was meine Laune weiter in den Keller treibt. Oh ja, es ist ein absolutes Highlight dieses Home Schooling.

Ich möchte die Aufgaben für Nr 2 ausdrucken. Das Arbeitszimmer ist besetzt. Da sitzt der Mann und hat Telefonkonferenz. Ist wichtig. Drucken geht jetzt mal gar nicht. Also Gemecker von Nr 2. Das Gemecker richtet sich natürlich an mich. Aushalten, einatmen. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

Nr 3 konnte ich nun endlich überzeugen, den Tagesplan von gestern anzufangen. Selbstständig arbeiten Fehlanzeige. Als ich in sein Zimmer gucke, macht er einen Kopfstand auf seinem Bett und filmt sich dabei… Ich atme ein. Ich atme tief ein… Aber ich weiß, auch das wird bald nicht mehr helfen. Wir versuchen es noch einmal. Ich gehe wieder gucken und er sitzt am Schreibtisch und hat seinen kompletten Inhalt der Federtasche auseinandergebaut. Aufgabenerledigung? Fehlanzeige.

Nr 4 sitzt vor dem Handy. Ich habe mir die Oma zur Hilfe rangeholt. Sie erledigt mit ihr per Videotelefonie die Aufgaben, damit ich Zeit habe, neben Nr 3 sitzen zu bleiben, denn ohne funktioniert es einfach nicht. Während ich neben ihm sitze, bearbeite ich die zahlreichen Schüler- und Elternanfragen und tausche mich mit den Kollegen aus. Immer wieder bin ich abgelenkt, weil Nr 3 die Aufgaben nicht richtig liest und meine Übersetzung benötigt. Auch muss ich ihn immer wieder daran erinnern, warum er eigentlich an diesem Schreibtisch sitzt. Ja, es ist ein Highlight dieses Home Schooling…

So, ich muss jetzt hier die Zeilen beenden, da es über mir poltert und ich vermute, dass Nr 3 vom Kopfstand in den Handstand übergegangen ist.

Vier Kinder und ein Mann…

Bis bald

Eure Kristin

Freitag, der 13.

Freitag, der 13….

Ich stehe vor der Klasse und sage, dass heute natürlich ein Glückstag ist…welch Ironie…denke ich mir heute acht Tage später.

Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich bin in einer, für mich, sicheren Welt groß geworden. Geborgen und sicher. Ich hatte ein stabiles Elternhaus mit viel Liebe und Wärme. Ich wurde beschützt und hatte nie das Gefühl, dass mir etwas passieren könnte….

Und dann ist es plötzlich da…

Ich bin erwachsen, habe einen Job, der eine Berufung ist, vier Kinder, ein Haus und ein Unternehmen, was aus Liebe gewachsen ist… Alles läuft…mal besser, mal schlechter, aber es läuft…

Und dann ist es plötzlich da…

Ein Virus…ich habe es in den Nachrichten gehört, aber es ist weit weg. In China irgendwo. Wuhan…eine Stadt, die ich zuvor noch nie gehört habe… Ja, es ist schlimm, aber es ist weit weg…und mein Leben geht weiter…

Und dann ist es plötzlich da…

In Italien…ziemlich nah…und doch noch ziemlich weit weg…Wie naiv denke ich mir während ich diese Zeilen schreibe… Ja, wir sind sogar noch Snowboardfahren gewesen…wie naiv denke ich mir jetzt…

Und dann ist es plötzlich da…

Österreich, Deutschland und soviele andere Länder. Über Nacht, von heute auf morgen…Meine kleine heile Welt zerfällt…

Freitag, der 13. …ich sage meinen Schülern, dass sie bitte all ihre Materialien mit nach Hause nehmen sollen für den Fall, dass die Schulen geschlossen werden. Nein, ich glaube noch nicht dran…wie naiv, denke ich mir jetzt.

Keine 24 Stunden später wird es beschlossen. Auf diesen Beschluss folgen zahlreiche weitere Beschlüsse. Ich komme kaum nach sie zu ordnen, für mich emotional zu sortieren.

In Sekunden musste ich, wie auch alle anderen Kollegen deutschlandweit, handeln. Wir mussten unserem Job eine Grundlage geben. Tausende Arbeitsblätter wurden innerhalb von zwei Tagen ausgetauscht. Zahlreiche Plattformen haben kostenfreie Zugänge für Lehrer und Schüler geschaffen, die man beantragt hat. Hauptsache etwas tun. Ich habe mich eingelesen, durchgelesen, angelesen. Ich habe ausprobiert. Meine Kinder mussten herhalten, mitspielen, mitprobieren, urteilen, Meinung abgeben.

Ich habe innerhalb von vier Tagen digitalisiert. Es war in diesen Tagen mein Job. Ja, MEIN Job. Die Eltern der Schüler haben einen anderen Job. Das wird mir immer klarer. Sie haben gar nicht die Zeit, sich so schnell neben erziehen, Home Schooling, Home Office, kochen, Wäsche waschen, Streit schlichten, Bewegung schaffen, in die Digitalisierung einzuarbeiten. DAS kann KEINER leisten!

Viele ringen um ihre Existenz, wissen nicht wie es weiter geht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen, ob ihr Job erhalten bleibt, Ehen stehen vor extremen Prüfungen. 24 Stunden in vier Wänden zusammen, arbeiten, leben, beschulen…alles zusammen…kaum eine Möglichkeit sich zurückzuziehen. In jedem meiner Räume befinden sich Menschen. Ich bin das nicht gewohnt. Ich bin es auch nicht gewohnt mich unter solch extremen Bedingungen mit meinen Kindern auseinanderzusetzen. Für einen Vierzehnjährigen ist die soziale Isolation Vereinsamung und Folter zugleich. Ein Alter, in dem Familie doof ist. Er muss uns 24 Stunden ertragen. Ein Kind mit ADHS…extremer Bewegungsdrang…kann dem nicht nachgehen. Ich bekomme kaum Luft zum Atmen, weil ich diesen vielen verschiedenen Bedürfnissen nicht gewachsen bin. Ich weiß, dass ich Lehrerin bin. Aber hier sind es meine eigenen Kinder. Ich bin emotional viel zu nah dran. Beschulung während ich meine eigene Klasse beschule…ein Kraftakt…Aushalten der sich schnell wechselnden Launen…ein Kraftakt…

Ja, es kann eine Chance für die Selbstständigkeit sein…leider haben wir das viel zu lange vernachlässigt. Hier zeigt sich jetzt, welche Kinder entsprechend unterrichtet wurden und welche jetzt in der Luft hängen. Eltern haben kaum Zeit Wochenpläne abzuarbeiten, kommen in Beziehungskonflikte mit ihren Kindern und müssen gleichzeitig Telefonkonferenzen führen und digitalisieren…

Jetzt heißt es, entschleunigen…den Druck rausnehmen, durchatmen…eine Chance wahrnehmen und entdecken. Als Mutter von vier Kinder ist das Abarbeiten der Wochenpläne nicht möglich. Ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht. Das heißt nicht, dass sie nichts machen müssen. Nein, sie haben ihre Zeiten. Zeiten, in denen sie Stoff wiederholen. Zeit, die wir nutzen, um das zu festigen, wofür bisher keine Zeit blieb, weil jede Stunde ein neues Thema, ein neuer Buchstabe hinzukam.

Heute waren wir im Park und haben mit Steinen Weitwurf gemacht. Dabei erklärte uns Nr 1 das Gesetz von Newton. Wir haben einen Maulwurf gesehen. Ich habe noch nie einen Maulwurf gesehen! Wir haben Bucheckern gesehen und gleichzeitig das Blatt einer Buche bestaunt. Wir haben ein Bild unserer Stadt von einem Ort gesehen, zu dem wir ohne diese Krise nie gegangen wären. Wir haben Google Maps zusammen genutzt, um uns zu orientieren und von oben auf Potsdam geschaut und viele Gebäude namentlich benannt. Ich habe meinen Kindern meine Uni gezeigt und sie haben das erste Mal gefragt, was ich eigentlich nach dem Studium gemacht habe. Wie paradox…Ich habe genau das durchgespielt, was heute hier und jetzt gerade passiert…

Ich habe mit meiner Tante per Videotelefonie gesprochen, spreche täglich mit meinen Eltern per Videotelefonie…Bis vor ein paar Tagen habe ich deren Klingeln oft mit Absicht überhört, weil ich zu tun hatte…

Aushalten…durchhalten…erhalten…Jeden Tag wache ich auf und hoffe, dass ich im Live Ticker lesen kann, dass alles vorbei und alles wie vorher ist…Bis heute…Es steckt in allem auch immer eine Chance. Wir sehen, was wirklich wichtig ist. Egal, was passiert, die Welt wird sich weiterdrehen. Unser aller Hamsterrad wurde gestoppt. Von jetzt auf gleich. Wir müssen uns sortieren, können nicht mehr so weiter machen wie bisher…Familie ist ein wertvolles Gut…das wird mir immer klarer. Familie ist eine große Herausforderung…das wird mir immer klarer. Familie ist Halt…das wird mir immer klarer.

Es ist nicht die Zeit für das Abarbeiten von Wochenplänen. Es ist Zeit, soziale Verantwortung zu übernehmen. Es ist Zeit, lernen zu verändern. Es ist Zeit denken zu verändern…bei Lehrer, Eltern und Schülern…

Freitag der 13. …ein Tag, der Veränderung.

Freitag der 13. …ein Tag, der Chancen.

Freitag der 13. …ein Tag, der uns verändert, wenn wir es zulassen…

Was Noten nicht sagen

Ich bin Mama von vier Schulkindern und Lehrerin und lebe in zwei Welten, die sich miteinander bedingen und ohneeinander nicht existieren könnten. Als Mutter erlebe ich täglich wieviel meine eigenen Kinder den ganzen Tag leisten und wie wenig Möglichkeiten sie haben, auszubrechen. Nr 3 ist ein Ausbrecher und ich habe, leider, lange versucht ihn zu brechen und mit Macht in das System zu zwängen…beide sind wir daran zerbrochen. Ich bin heute sehr froh, dass er so sehr viel stärker gewesen ist, auch mit seinen kleinen 7 Jahren, als ich. Ich bin froh, dass ich ihn habe und er mich jeden Tag lernen lässt. Er hat mir gezeigt, dass genau Menschen wie er, zu Veränderungen beitragen. Er zeigt täglich, dass es keine starren Strukturen und Bewertungsmaßstäbe braucht, um zu sehen, was jemand kann. Für meine Berufung als Lehrerin habe ich damit einen unheimlichen Vorteil. Ich sehe jeden Tag wie wichtig es ist, dem Tag und dem Kind eine neue Chance zu geben und das Gestern sein zu lassen. Ich lerne, dass ein ganzheitlicher Blick das Wichtigste in diesem Beruf ist und dass eine Note lange nicht das zeigt, was in den Kindern steckt. Ich habe mit Nr 3 versucht die Bundesländer zu lernen und ihn gefragt, welches Bundesland über Brandenburg liegt. Er wusste es nicht und ich bin böse geworden, weil er es lernen sollte. Daraufhin sagte er, dass er die Bundesländer anhand der Größe erkennt, aber nicht aus dem Kopf sagen kann, wo welches Land liegt. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass es viele Wege des Lernens gibt.

Systeme sind veränderbar

Es gibt Kinder, die in unserem System 8 Stunden lernen und am Nachmittag in einem komplett anderem System leben, was den Vormittag für sie sehr schwer macht. Ein Stempel unsererseits hilft ihnen wenig und macht das Überleben schwer. Systeme lassen sich verändern und sind nicht starr. Das zeigt die Vergangenheit. Systeme haben Lücken, die man nutzen kann. Kinder brauchen jeden Tag Wertschätzung so wie wir Erwachsenen im Berufsleben auch. Die meisten Burn Outs haben mit fehlender Wertschätzung zu tun. Schulängste werden immer mehr. Oft stelle ich mir vor wie ich mich auf der alten Arbeit gefühlt habe als ich mich morgens ins Auto gesetzt habe. Ich hatte Magenschmerzen und mit jedem Meter, den ich näher an das Gebäude kam, ging es mir schlechter. Genauso sehe ich es bei Kindern, die Schulängste entwickeln. Im Gegensatz zu ihnen, können wir reflektieren und formulieren woran unser schlechtes Gefühl liegt. Sie spüren nur, dass es ihnen nicht gut geht und äußern es durch auffälliges Verhalten. Ja, es bedeutet Arbeit jedes Kind mit genau diesem Blick zu betrachten, aber die Mühe zahlt sich aus und wird belohnt. Kleine Schritte sind der größte Lohn und die größte Anerkennung in meinen Job. Ein Kind, was aggressives Verhalten von Anfang an gezeigt hat, kennt mittlerweile Strategien, nicht mehr in jeder Situation in alte Verhaltensmuster zurückzukehren. Neulich kam es zu mir und sagte: „Können sie sich noch an unsere erste Begegnung erinnern als ich weggerannt bin und sie mir hintergerannt sind? Sie haben mich nicht gefragt warum ich wegrenne, sondern haben mir ihre Jacke angeboten, weil es kalt draußen war. Und sie haben gesagt, dass ich immer zu ihnen kommen kann.“ Ja tatsächlich war das unsere erste Begegnung vor der ich großen Respekt hatte, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte und wusste, ob ich richtig reagiere. Anscheinend war mein Bauchgefühl das Richtige, denn heute kommt das Kind oft zu mir, wenn es nicht weiter weiß.

Übergang zur weiterführenden Schule

Ich habe das Glück, dass ich an einer Schule arbeite, wo viele Kollegen mit diesem Ansatz unterrichten und einen ganzheitlichen Blick auf die Kinder haben. Für die Eltern ist das  oft nicht sichtbar, weil sie uns nicht 8 Stunden begleiten, sondern nur winzige Ausschnitte vom Alltag sehen. Meistens sind es tatsächlich nur Sekunden. Ja, man sieht automatisch nur sein eigenes Kind. Wir haben allerdings die Herausforderung eine große Gemeinschaft betrachten zu müssen. Eine Gemeinschaft, in der jeder mit anderen Voraussetzungen, mit anderen Bedingungen und Hintergründen den Schulalltag antritt. Oft frage ich mich als Mama, was eine Note genau über diesen Punkt aussagt. Ein Kind, was in einem Elternhaus groß wird, in dem die Eltern bis spät abends arbeiten müssen, die weder Oma, Opa noch Verwandte und Bekannte haben, die sich um das Lernen lernen kümmern können, haben doch ganz andere Bedingungen als Kinder, deren Eltern am Nachmittag Zeit genau für diese Dinge haben. Ein Kind, was in einer Jugendhilfeeinrichtung groß wird hat doch komplett andere Voraussetzungen als ein Kind, was in einem gut behüteten Elternhaus groß wird. Ein Kind, was in einem Rosenkrieg der Eltern lebt, kommt doch mit ganz anderen Voraussetzungen in die Schule als ein Kind, was aus einer glücklichen Ehe kommt. Ich könnte zahlreiche weitere Vergleiche aufziehen, um darzustellen, dass man hier keine einheitlichen Maßstäbe setzen kann, weil nicht alle Kinder das Gleiche leisten können. Und genau hier setzt mein Blick an. Ich habe meine neue Klasse mit dem Angebot Hausbesuche zu machen, übernommen. Sicherlich ist das befremdlich, denn wer möchte schon gern jemand Fremdes in seinem Haus haben und sich hinter die Kulissen gucken lassen. Für mich ist es ein wichtiger Punkt für meine Arbeit. Da fängt der ganzheitliche Blick an, denn zu Hause agieren Kinder ganz anders als in der Schule und auch der Umgang miteinander ist wichtig zu verstehen. In welchen Konstellationen wird das Kind groß? Mit welchen Herausforderungen beginnt und beendet es seinen Schulalltag? Ein Kind, dass einen langen Fahrtweg hat und 4Uhr aufstehen muss, sitzt 08Uhr mit ganz anderen Voraussetzungen im Unterricht als ein Kind, was direkt an der Schule wohnt. Ein Kind, welches sich allein fertig und das Haus verlassen muss, sitzt mit ganz anderen Voraussetzungen in der Schule als ein Kind, dessen Mama die vergessenen Materialien noch schnell vorbei bringen kann. Ich kann hier zahlreiche weitere Beispiele bringen, denke aber, dass ihr versteht, worum es mir geht.

Ü7 los geht es

Für uns in Brandenburg steht für die sechsten Klassen das Ü7 Verfahren an. Das heißt, dass sie sich für eine weiterführende Schule entscheiden müssen. Das erste Halbjahr ist für Kinder und Eltern durch starken Druck gekennzeichnet. Druck, der selten von den Eltern, eher von den weiterführenden Schulen ausgeht. Möchte man an ein Gymnasium, muss man sich einem Auswahlverfahren stellen, in dem die Noten zählen. Noten, die nicht das berücksichtigen, was eigentlich zu genau dieser Note führt. Noten, die nicht hinterfragt werden, da bei der Masse an Bewerbungen nach Aktenlage entschieden wird. Teilweise hatte ich als Mutter richtig Panikattacken, weil ich Angst davor hatte, dass der Schulwunsch meines Sohnes auf Grund einer Note nichts wird. Meine Kinder müssen nicht aufs Gymnasium, er hat allerdings den Wunsch und ich weiß, was es mit ihm macht, wenn ihm dieser Wunsch verwehrt wird. Er sitzt jeden Nachmittag und lernt. Er lernt, wie viele andere, nachdem er von 08Uhr – 15.Uhr in der Schule gelernt hat. Spielen? Fehlanzeige. Mit 12 Jahren wird ein hoher Anspruch gesetzt. Kindsein bleibt ab hier außen vor.

Note und Leistungsmotivation

Viele denken, dass ein Wegfall von Noten bedeuten würde, dass die Kinder sich nicht mehr anstrengen. Ich kann nur aus Erfahrung sagen: Kinder, die von Haus aus keine Leistungsmotivation haben, erlangen diese auch nicht durch Noten. Noten erreichen hier in meinen Augen eher noch das Gegenteil. Sie werden noch demotivierter und zeigen immer deutlicher, dass ihnen auch eine schlechte Note egal ist. Hier sind die Eltern und die Lehrkräfte bzw. deren Zusammenarbeit gefragt. Es darf keiner auf den anderen schieben, sondern man muss gemeinsam hinter die Kulissen gucken, wo die Ursache der Verweigerung liegt. Oftmals steckt Angst bei Lehrkräften und Eltern dahinter genau diesem Punkt nicht auf den Grund zu gehen. Hingucken bedeutet Wege und Methoden verändern. Veränderung bedeutet Arbeit – zunächst. Manchmal bedarf es nur einer Änderung der Lernbedingung oder des Lernweges. Manchmal aber auch vielmehr. Dieses Vielmehr kostet sehr viel Kraft und auch Nerven. Beides hat man nicht immer und auch wir Lehrer haben nur ein gewisses Maß an Ressourcen und vor allem haben auch wir ein eigenes Privatleben. Oft lese ich: „Das war kein Bestandteil meiner Ausbildung.“ Ja, das glaube ich, aber das ist in allen Berufen so. Ich habe Politik studiert und anschließend in diesem Bereich gearbeitet. Bestandteil meines Studiums war das, was ich dort gemacht habe, nicht. Ich bin es gewöhnt mich fortwährend fortzubilden, um besser zu werden bzw. Prozesse besser verstehen zu können. Ob das irgendwann aufhört und ich fertig bin? Nein, das zu glauben wäre naiv, denn, wie anfangs schon geschrieben, verändern sich Systeme und damit ist man nur gut, wenn man sich stetig weiterbildet. So auch im Lehrerberuf. Natürlich vermittelt das Studium auch nur Grundlagen. Möchte ich besser werden, muss ich mich fortbilden. Ich muss meine Weiterbildungen an die Herausforderungen meines Alltags anpassen. So mache ich zur Zeit ein Studium zur Legasthenietrainerin und eine Fortbildung zur Sozial- ADHS-Trainerin, weil es mein Alltag fordert. Ich möchte nicht erwarten, dass ich Fortbildungen vorgesetzt bekomme, sondern möchte selbst entscheiden, was ich kann und was ich brauche, um meinen Alltag zu verbessern.

Mein Zeugnis an die Schüler

Ich bin Lehrerin für Gesellschaftswissenschaft und habe drei sechste Klassen, die soviel im letzten halben Jahr geleistet haben. Sie sind ganz verrückt nach ihren Noten und wollen sie immer vor der Zeugnisausgabe schon wissen. Von mir haben sie bereits vorher ihre Note erhalten. Ich habe ihnen ihre Note in Worten mitgeteilt. Viele haben während sie es gelesen haben, immer wieder verzweifelt nach der angekündigten Note gesucht. Anderen kamen die Tränen beim Lesen. Am Ende haben alle verstanden, dass in dem Brief eigentlich sehr viel Note drinsteht. Aber lest selbst und bildet euch ein Urteil, ob eine Note mehr als Worte sagen. Eure Kristin

Was Noten nicht sagen

-das andere Zeugnis-

„Also stellte ich mich auf sie ein. Ich sprach mit ihnen über Kartenspiele, Golf, Politik und Krawatten. Und die großen Leute waren sehr erfreut, einen so vernünftigen Mann getroffen zu haben.“ Der kleine Prinz

Liebe 6. Klassen

ich kenne euch nun seit zwei Jahren und durfte eure Gewi-Stunden begleiten und versuchen euer Interesse für die Themen Europa, Demokratie, Wasser und auch Ernährung zu wecken. Bei dem einen hat es mal mehr und bei dem anderen weniger geklappt. Aber wisst ihr, das ist ganz normal. Mich interessieren auch nicht immer alle Themen. Wichtig ist, dass wir zusammen das Beste daraus gemacht haben. Für mich besonders schön waren die Momente, in denen ihr neugierig Fragen gestellt habt, aber auch die Momente, in denen wir miteinander gelacht haben – und die waren nicht selten. Das Fragewort „Hä“ existiert seit 1,5 Jahren und wer weiß, vielleicht bringt es einer von euch in den Duden und damit in die Deutschbücher.

Ich wünsche mir für jeden einzelnen von euch, dass ihr in eurem Leben immer Dinge tun werdet, für die ihr Interesse habt, denn dann ist man ein Leben lang glücklich.

Ich habe gelernt, ihr habt gelernt, wir haben gelernt. Ein Lehrer ist nicht mehr allwissend, soviel darf ich euch heute verraten und mir war es immer wichtig, dass ihr seht, dass auch ich Fehler mache. Fehler sind toll, denn ohne sie, könnten wir nichts lernen. Wir brauchen sie. Ich weiß wie wichtig euch die Noten sind und wie hart ihr um die eine und andere Note gekämpft, ja sogar Tränen verloren habt. Schule ist wichtig, ich weiß. Noten sind wichtig, ich weiß. Aber noch viel wichtiger ist, dass ihr wisst, was ihr könnt und das ist in meinen Augen schon ziemlich viel. Ihr habt gelernt wie man eine Präsentation hält, ohne eine Tapete als Stichpunktzettel in der Hand zu halten und mich pausenlos anzugucken .

Ihr habt gelernt, anderen positive Kritik zu geben und umgekehrt Kritik anzunehmen. Ihr habt gelernt wie man mit einer Karte umgeht. Ihr habt gelernt wie man Wissen über gesellschaftswissenschaftliche Zusammenhänge erlangt. Ihr könnt eine Mindmap anlegen und ein Interview führen. Historische Quellen sind für euch kein Buch mit sieben Siegeln und auch Sachtexte könnt ihr mit euren eigenen Worten zusammenfassen. Ihr wisst wie man ein Zeitfries anfertigt und was es ist. Ich kann euch sagen, dass das nur ein kleiner Teil von dem ist, was ihr mittlerweile könnt. Wenn man sich das so durchliest, ist das doch schon wirklich eine ganze Menge und wisst ihr: solche Sachen sagen viel mehr als eine Note über euch aus. Ihr seid alles tolle Kinder, jeder mit seinen Stärken und Schwächen.

Hier meine liebsten Sätze:

„Frau van der Meer, ich habe die Wochen verwechselt.“, „Frau van der Meer, meine Mama bringt es mir gleich.“

„Hä?“, „Ach, es gibt eine Rückseite?“, „Als ob Frau van der Meer…“

„Was sollten wir jetzt machen?“, „Äääääääähhhmmmm“, „Ach wir sollten das zu HEUTE machen? Ich dachte nächste Woche.“

„Ich war krank und keiner wollte mir verraten, was wir gemacht haben.“, „Ich habe keinen Block dabei.“

„Ach, wir müssen mit Füller schreiben? Das wusste ich nicht.“ „Liniert oder kariert?“, „LOL“

Ich wünsche euch, dass ihr ganz lange Kinder bleibt und auch als Erwachsene das Kind im Herzen bewahrt. Bleibt immer neugierig und stellt vor allem viele Fragen. Sucht nach Antworten und gebt nicht auf, wenn ihr diese nicht sofort findet. Manchmal kann auch Google nicht weiterhelfen. Gerade dann wird das Antwortensuchen interessant.

Ich wünsche euch wunderschöne Ferien und bei euren Bewerbungen ganz viel Glück.

Eure Frau van der Meer

„Alle großen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“ Der kleine Prinz

Quereinstieg Lehrer

Quereinstieg Lehrer

Quereinstieg oder ab ins kalte Wasser

Donnerstag 2017…ich sitze in meinem Büro nach einem zweiten Bandscheibenvorfall und während eines sinnfreien Spätdienstes. Ich langweile mich, mache Arbeit, die mich nicht ausfüllt, weil ich nicht fürs Denken bezahlt werde, sondern um Statistiken zu erfüllen. Nein, das kann nicht der Sinn des Lebens sein, zumindest nicht meiner. Ich bin allein im Büro, weil meine Kollegin dauerkrank ist. Psyche munkelt man, so wie eigentlich alle Dauerkranken hier. Um tatsächlich arbeiten zu können, habe ich mir im Laufe der Woche die Arbeit gesammelt. Immer mehr zweifle ich an dem System und stelle mir die Frage, was „Sicherheit“ eigentlich bedeutet. Öffentlicher Dienst, unbefristeter Arbeitsvertrag…ja, das ist mit vier Kinder auf jeden Fall eine Sicherheit…eine materielle. Aber meine Gesundheit leidet, sie schreit, der Körper gibt mehr als nur Zeichen.

Mein Ausstieg vor dem Einstieg

Es klopft, ich bekomme Besuch von jemanden aus dem Haus. Wir sprechen miteinander. Mit jedem Satz mehr, wird die Stimme leiser. Ich höre nicht mehr zu. Mein Herz wird laut, lauter als diese Stimme. Mein Herz schreit. Die Stimme? Weg…ich höre sie nicht mehr. Meine Entscheidung steht fest: ich gehe! Ich mache das, was mir Spaß macht. Ich möchte verändern. Das war der Grund meines Politikstudiums…damals. Der Job ist ein anderer, der Wunsch der Gleiche. Die Tür geht zu, der Besuch ist weg. Ich schreibe meine Kündigung, sofort. Glücklicherweise hat der Arbeitgeber alles Erdenkliche getan, um sich nicht mit ihm zu identifizieren. Die Kündigung liegt im Drucker. Ich schreibe sofort meine Bewerbung und schicke sie per Mail übers Handy ab. Alles auf eine Karte, egal. Ich kann nichts verlieren, nur gewinnen – Freiheit, Lebensfreude und Wertschätzung und damit das größte Gut, was man haben kann: Gesundheit. In der Mittagspause fahre ich zur Schule. Hier ist meine Bewerbung gelandet. Ich möchte fragen, ob sie angekommen ist.

Der Quereinstieg

„Wir planen Sie bereits ein.“, war die Antwort… So fing mein Quereinstieg an. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, weil ich nicht wusste, was auf mich zukam. Ich kannte keinen Quereinsteiger. 2017 begann mein neues Leben. Mein Leben als Lehrerin. Ich wurde sofort als Klassenlehrerin einer fünften Klasse eingesetzt und mit allem ausgerüstet, was man als Lehrer so benötigt…einem Klassenbuch. So stand ich nun das erste Mal vor meiner Klasse, etwas tollpatschig, aufgeregt und nervös. Doch die Klasse war toll. Sie nahmen mich an und machten mir den Einstieg leicht. Ab dem ersten Tag zählte für mich das Motto „Bindung vor Bildung“. Die Schüler müssen mich akzeptieren und ich muss sie dort abholen, wo sie stehen. Ich habe die Klasse intuitiv geführt, mit Herz und Leidenschaft. Während des Einstiegs absolvierte ich die pädagogische Grundausbildung bei dem WIB e.V. in Potsdam, die jeden Dienstag nach der Schule bis 22Uhr und jedes Wochenende Samstag und Sonntag stattfand. Neben der Unterrichtsvorbereitung bereitete ich Vorträge, Präsentationen und Handouts für die berufsbegleitende Ausbildung vor. Oft bin ich erst 2Uhr ins Bett gefallen, weil ich nebenbei auch noch vier Kinder und die dazugehörigen Aufgaben hatte. Hausaufgaben, Haushalt, Kindergeburtstage, Elternversammlungen, Arzttermine, um nur einige wenige zu nennen. 4Uhr hieß es für mich dann schon wieder aufstehen, um die letzten Arbeitsblätter für den Unterricht auszudrucken. Differenzierter Unterricht…Diagnosen…Elterngespräche…Zeugnisse…Gutachten…Klassenfahrten. Dinge, die ich nach und nach lernte. Nein, diese Dinge hätte ich im Lehramtsstudium nicht gelernt. Die Erfahrung war mein Lehrer. Meine Kollegen unterstützten mich, immer, wenn ich nicht weiterwusste. Jeden Tag kam etwas Neues hinzu, obwohl ich dachte, mehr kann jetzt wirklich nicht mehr kommen.

Elternarbeit

Elternarbeit…eine der größten Herausforderungen. Anerkennung…eine der größten Hürden. „Du hast doch nicht studiert!“, ein Spruch, der immer und immer wieder kommt. Was die meisten vergessen ist, dass auch wir Quereinsteiger ein Studium hinter uns haben. Wir saßen auch im Hörsaal und haben wissenschaftliches Arbeiten gelernt. Ich habe während meines Vollzeitjob als Lehrerin, meine pädagogische Grundqualifizierung absolviert, habe mich in den Lehrerberuf mit all den Verwaltungsarbeiten eingearbeitet, Fortbildungen besucht und eine Klasse geführt. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, dass wir in dem Job ewig arbeiten werden, in dem wir ausgebildet wurden. Die Welt ändert sich und wir mit.

Erfahrungen sind Goldwert

Strukturen verändern sich, passen sich an, nehmen neue Formen an und das ist auch gut so. Wäre es nicht so, würden wir nach wie vor Jäger und Sammler sein. Wir bringen Erfahrungen aus der freien Wirtschaft mit ein. Wir helfen veraltete Strukturen zu zerbrechen und neue zu schaffen, gemeinsam Hand in Hand mit den Lehramtskollegen. Ich freue mich, dass ich an meiner Schule von meinen Kollegen nie diesen Satz gehört habe und ich gewertschätzt werde. Meine Kollegen haben mich von Anfang an als Unterstützung gesehen und mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Es ist ein tägliches Geben und Nehmen, wovon alle profitieren. Hier wird stärkenorientiert gearbeitet.

Erste Elternversammlung: Alle Eltern sitzen mit gespannten Gesichtern vor mir. Obwohl ich in meiner Funktion als Mutter bereits zahlreiche Elternversammlungen besucht habe, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. Meine Kollegen gaben mir alte Protokolle, so dass ich einen roten Faden hatte. Ich war aufgeregt. Schnell merkte ich, dass man mich bereits gegoogelt hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich Quereinsteiger bin. Es hat einen negativen Touch durch die Kommunikation in den Medien. Dort lese ich immer wieder, dass der Zustand katastrophal ist aufgrund der Quereinsteiger. Ich gebe mein Bestes, genau wie jeder meiner Kollegen. Ich gebe mein Bestes, jedes Kind zu sehen, mit all seinen Stärken. Ja, ich wachse. Ja, ich bin noch nicht fertig. Aber wer ist das schon? In jedem Beruf wächst man – täglich, wenn man liebt, was man tut.

Ich gehe jeden Tag mit einem Lächeln auf Arbeit. Ich kenne 500 Kinder bei ihrem Namen und begrüße sie täglich. Ich liebe das was ich tue. Gibt es was Schöneres für unsere Kinder als Lehrer, die ihren Job aus Überzeugung machen?

Dein Herz sagt ja

Ich möchte mit diesem Beitrag alle dazu ermutigen, diesen Schritt zu wagen, wenn es dein Herz sagt. Vergiss die Ferien. Die wirst du brauchen, wenn du dich aufopferst. Und das wirst du, wenn du deinen Job als Lehrer mit Herz machst. Geh diesen Weg, denn die Kinder brauchen Menschen wie uns. Bindung vor Bildung…und wenn du ein Herz hast, hast du 90 Prozent deiner Arbeit bereits getan.

Freie Schule oder staatliche Schule?

Doch wie ist denn jetzt der Weg, fragt ihr euch. Viele Wege führen nach Rom, so auch zum Lehrerberuf.

Wir müssen hier die freien von den staatlichen Schulen unterscheiden. Ich kann hier nur den Einstieg im Land Brandenburg erklären. Da Bildung Ländersache ist, sind die Bestimmungen in allen 16 Bundesländern verschieden.

Pädagogische Grundqualifikation

In Brandenburg müssen alle Quereinsteiger berufsbegleitend die pädagogische Grundqualifikation absolvieren. Das ist nicht auf einer Pobacke abzusitzen und mit links und 40 Fieber zu machen, sondern tatsächlich eine Herausforderung.  Man ist bereits mitten im Beruf, muss sich alles aneignen und nebenbei noch auf Vorträge und Prüfungen vorbereiten. Die Wochenenden sind dann erst einmal Schnee von gestern. Um diese zu absolvieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Einmal meldet man sich hierfür über das Fortbildungsnetzwerk Brandenburg an oder absolviert sie beim WIB e.V. https://www.wib-potsdam.de/. Ohne Voraussetzungen keinen Einstieg. Voraussetzung für den Seiteneinstieg in den brandenburgischen Schuldienst ist i.d.R. ein Hochschulabschluss (universitärer Diplom-, Magister oder Masterabschluss) oder ein Fachhochschulabschluss (Diplom oder Master). Ich habe die Grundqualifizierung beim WIB e.V. gemacht und kann nur positiv davon berichten. Den meisten Mehrwert hatte ich von den anderen Teilnehmern, da man das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Wir haben unsere Wochenenden miteinander verbracht und hatten alle die gleichen Herausforderungen.

Vorbereitung ist alles

Bevor du dich für den Beruf entscheidest, solltest du dir im Klaren sein, dass Elternarbeit ein nicht unerheblicher Teil ist, der dir teilweise die Motivation, aber vor allem die Kraft nimmt. Hinzu kommt ein großer Lärmpegel. Lärm übt Stress aus. Auch dessen solltest du dir bewusst sein. Am Tag hast du unzählige Konflikte zu schlichten und bei jedem musst du mit voller Konzentration am Kind sein – auf Augenhöhe. Du sollest dich sofort mit deiner Umgebung vertraut machen, wenn du dich für diesen wunderbaren Beruf entscheidest, denn Pflaster können dir deine Stunde retten. Eigne dir Fachbücher zu den unterschiedlichen Diagnosen an, sprich mit Ärzten, Fachpersonal und Lerntherapeuten. Auf diesem Gebiet musst du fit sein, denn ich behaupte jetzt mal, dass es keine Klasse mehr ohne Diagnose gibt. Du musst für eine Stunde teilweise acht verschiedene Unterrichtsvorbereitungen machen, um richtig zu differenzieren. Das kann zu einer erheblichen Belastung werden, denn es wird immer jemanden geben, dem es nicht genug ist.

Ferien? Was sind Ferien?

Verwaltungsarbeit sollte dir liegen, denn hieraus besteht ein Großteil unserer Arbeit. „Wer schreibt, der bleibt“ gilt auch im Lehrerberuf. Nein, du wirst nicht jeden Tag 14Uhr Schluss haben, denn dann fängt die Arbeit erst richtig an. Klassenkonferenzen, Elterngespräche, Trägergespräche, Stundenvorbereitung, Lehrerkonferenzen, Schlichtungen und zahlreiche Dinge, die deinen Nachmittag füllen werden. Ferien? Ja, die brauchst du. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, aber dir werden die Ferien viel zu kurz sein, um deine nächsten Wochen vorzubereiten und dich gleichzeitig zu erholen.

Ganz wichtig ist das Lesen von Gesetzen und damit verbunden das Verstehen und Umsetzen. Das Schulgesetz Brandenburg ist dein ständiger Begleiter sowie die dazugehörigen Verwaltungsvorschriften. Diese kannst du am besten auswendig, denn du wirst sie täglich benötigen.

Versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte, dass es mehr von mir gibt. Ich möchte, dass ihr diesen Schritt in den schönsten Beruf der Welt wagt. Ich möchte aber auch, dass ihr wisst, worauf ihr euch einlasst, denn die Kinder sind unsere Zukunft. Sie brauchen Menschen, die ihren Beruf als Berufung sehen. Sie brauchen Menschen, die mehr machen als in ihrem Arbeitsvertrag steht. Sie brauchen Menschen mit Herz.

 Ihr werdet gebraucht. In Brandenburg vor allem für Grund- und Oberschulen, Sonderpädagogik sowie in der beruflichen Bildung.

Du hast all diese Dinge? Dann schreibst du jetzt deine Bewerbung, wenn du an eine freie Schule möchtest. Hier verläuft der Bewerbungsprozess sehr viel einfacher als an einer staatlichen Schule ab. Es gibt nicht so viele Hierarchien, die deine Bewerbung zu durchlaufen hat und der riesige Verwaltungsapparat mit all den Dienstanweisung fällt auch weg.

Du möchtest an eine staatliche Schule? Dann lass dich beim staatlichen Schulamt, was für dich zuständig ist, ausführlich beraten. Schreibe dir deine Fragen auf und nimm sie mit zum Gespräch. Viele Schulämter bieten mittlerweile monatliche Informationsveranstaltungen an. An denen solltest du auf jeden Fall teilnehmen. https://schulaemter.brandenburg.de/sixcms/list.php/stsch

Hier gehöre ich hin

Ich hoffe, dass ich dir einen kleinen Einblick in den Weg als Quereinsteiger geben konnte. Ich bin richtig, da wo ich jetzt bin, muss aber auch sagen, dass ich die Arbeit unterschätzt habe. Ja, ich hatte die Illusion mehr Zeit für meine Kinder zu haben. Tatsächlich habe ich weniger Zeit mit ihnen, da die meisten Nachmittage mit Gesprächen verbracht werden. Elternarbeit ist für mich die größte Herausforderung, da diese Gespräche sehr viel Kraft kosten. In jedem Gespräch muss die Arbeit gerechtfertigt werden, was wahnsinnig viel Konzentration bedarf. Aber auch Elternarbeit im Hinblick auf Kinder mit vorliegenden Diagnosen sind mit viel Kraft verbunden. Viele Eltern haben bereits einen langen Weg hinter sich, wenig Vertrauen aufgrund ihrer Erfahrungen und vor allem große Sorge um ihr Kind. Ein Vertrauen hier aufzubauen bedarf viele Gespräche. Oftmals nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit Lerntherapeuten, Psychologen, Förderberatungsstellen, Sonderpädagogen, Jugendämtern, Kinderheimen, Fachlehrern und vielen mehr.

Geht diesen Weg, wenn euer Herz sagt, dass er der Richtige ist. In diesem Beruf könnt ihr verändern und bewegen. Er ist einer der Berufe, die Sinn machen, jeden Tag aufs Neue.

Eure Kristin